Sascha Schneider - Stadt Radebeul

Kunst um die Jahrhundertwende – Sascha Schneider, Karl May und der Symbolismus

Grabstele Sascha Schneider
Foto: Stadtarchiv Radebeul

Symbolhafte Ästhetik, traumdeuterische Metaphern, versteckte Botschaften – dies zeichnete den Kunststil des Symbolismus aus, welcher sich von Frankreich ausgehend Ende des 19. Jahrhunderts über ganz Europa verbreitete. Vielfältigsten Niederschlag fand er in Literatur, Bildender Kunst oder auch Musik. Das schriftstellerische Spätwerk Karl Mays und die Kunst des jungen Malers Sascha Schneider zeigen sich als prägnante Vertreter. Die tiefgreifenden Umwälzungen der Gesellschaft, eingeleitet durch die Industrialisierung und modernen Wissenschaften, führten zur Mechanisierung der Handarbeit, unwirtlichen Ballungszentren und Massenproduktion. Armut und soziale Verelendung waren tägliche Begleiterscheinungen. Ein Gefühl von individueller Entwurzelung und dem Verlust moralischer Werte machte sich breit. Drastisch dargestellt wurde dies beispielsweise von Gerhart Hauptmanns naturalistischem Schriftwerk oder auch in den realistischen Bildern Käthe Kollwitz‘. Symbolisten wie Schneider oder May wollten sich demgegenüber abgrenzen, sie waren auf der Suche nach dem Idealen und Schönen. Die Idee hinter dem Motiv sollte jedoch nie konkret fixiert oder erklärt werden, wodurch dem Werk seelische Tiefe und persönliche Vorstellungskraft eingegeben wurde. Diese Kunstströmung beabsichtigte keinen kompletten Umbruch bestehender Verhältnisse, sie wollte zum Nachdenken anregen und zwischen den verschiedenen Tiefenebenen von Betrachter und Wirklichkeit vermitteln. Es finden sich Themen wie Traum und Halluzination verbildlicht, aber auch Körperlichkeit, Krankheit und Tod, sowie ergreifende Gefühlszustände – bei den bildenden Künstlern vorzugsweise in der Malerei. Sascha Schneider beherrschte diese Bildkunst virtuos. Mit vollständigem Namen Rudolph Karl Alexander Schneider wurde er am 21. September 1870 in der deutschen Kolonie in St. Petersburg geboren und verstarb vor 90 Jahren am 18. August 1927 in Swinemünde. Ein bewegtes und von Kunstfertigkeit bestimmtes Leben ließ er hinter sich, nachdem seine Diabeteserkrankung zu folgenschwer geworden war.

Nachdem er als 14-jähriger seinen Vater verloren hatte, zog er mit Mutter und Schwester über Umwegen nach Dresden. Dort wurde sein Zeichentalent bereits früh gepriesen. Dadurch angespornt, wagt er den ungesicherten Berufsweg eines Kunstschaffenden und studiert an der hiesigen Akademie. Doch sind die dortigen Ansichten über Stil und Form überaltert. Die neue symbolistische Darstellungsweise, wie sie in Schneider ruht und ausgelebt werden will, ist in Dresden noch nicht angekommen. Er bricht das Studium ab und drängt danach zu zeigen, dass durch Kunst auch eine andere Realität geschaffen werden kann, mit dem idealen Menschen im Mittelpunkt. Im Gemeinschaftsatelier entlädt sich sein aufgestautes Potential. Innerhalb kürzester Zeit entsteht eine eindrucksvolle Werkschau, die das Publikum treffend polarisiert. Die buchhändlerische Verbreitung seiner Kunstwerke trägt gleichermaßen zu Erfolg und Ruhm bei, was sich in privaten und öffentlichen Großaufträgen u.a. aus Florenz, Köln, Jena, Weimar, Dresden oder Leipzig niederschlägt. Hermann Hesse konstatiert stellvertretend: „Es hat noch nie ein Stück bildender Kunst mich so plötzlich und stark ergriffen.“ Auch ein anderer Schriftsteller war von der Kraft Schneiders Kartons sofort überwältigt: Karl May. Er hatte den Eindruck hier endlich die ästhetischen Leitgedanken seines Spätwerkes verstanden und kunstvoll abgebildet zu sehen. Und Schneider wurde vielerorts mit Honorierung überschüttet, ganz im Gegensatz zu May, der bereits in seinem tragischen Netz aus Verfemung und kräftezehrenden Gerichtsprozessen verstrickt war. Daher sucht der alternde Dichter das Enfant terrible persönlich auf. Beide Wesenskerne stoßen auf gegenseitiges Verständnis und Genie. Beide bedeuten einander für einige Zeit das vermisste Familienmitglied, Vater und Sohn im Geiste. 1904 vereinbarten sie eine künstlerische Zusammenarbeit. Der Maler verbildlicht als Buchdeckelillustration allegorisch die Kernaussage des Autors und schafft damit eine Einheit aus Wort und Symbol. Über 25 Zeichnungen sind in den Jahren 1904/05 für die Reiseerzählungen entstanden. Dieses Gesamtkunstwerk würde die Zeiten überdauern, davon war zumindest Karl May überzeugt und er sollte Recht behalten. Auch wenn sich die Sascha-Schneider-Ausgabe zunächst nicht besonders erfolgreich verkaufte. Daneben bestellte er mit einer Büste sowie den Sphinx-Figuren bildhauerische Plastiken. Parallel dazu stand Schneider unter großem Arbeitsdruck. Er bekam für die Dresdner Kunstausstellung einen eigenen Saal zur Verfügung gestellt und erstrebte das Publikum erneut zu beeindrucken. 24 Kunstwerke wird er dafür erschaffen.  Überhaupt gehören die Jahre um die Jahrhundertwende zu seinen schöpferischsten, vor allem Monumentalgemälde lagen ihm. Doch auch auf dem Feld der Skulptur war er tätig. Athletische Männerfiguren, Aktmalerei und Vorbilder aus griechischer Antike oder altägyptischer Mythologie finden sich motivisch umgesetzt. Dabei stand das Idealbild eines neuen, kraftvollen und gesunden Menschen in seinem ästhetischen Fokus. Dies korrelierte mit der Dresdner Hygienekultur eines Karl August Lingner und stand in der Tradition seines Förderers und Freundes, dem symbolistischen Künstler Max Klinger. Nächster Höhepunkt und deutliches Zeichen seiner Anerkennung bildete im gleichen Jahr der Ruf aus Weimar an die Universität für eine Professur für Aktmalerei. Doch zeitraubende Lehrtätigkeit sowie gesellschaftliche Zwänge verboten das Ausleben der eigenen Interessen. 1908 flüchtete er nach Florenz und ließ damit auch den Symbolismus hinter sich.

Sascha Schneider hatte sich als Kind eine Rückenverletzung zugezogen und galt zudem als klein gewachsen. Dass er sich männliche Stärke und Schönheit als Sujet erwählte, darf nicht mit seiner homosexuellen Neigung gleichgesetzt werden. Es ist neben der programmatischen Strömung des Symbolismus auch eine Verarbeitung Statur bedingter Defizite, die ihn oft zum Außenseiter machten. Nicht zuletzt werden auch hier wieder Gleichklänge zu Karl May spürbar. Statt des Kraftprotz‘ „Old Shatterhand“ warf das Spiegelbild in Wahrheit einen zierlichen Weißhaarkopf zurück. Beide fanden das ersehnte Selbstbild symbolisch nur im Kunstwerk.

 

 

Maren Gündel, Stadtarchiv

 

 

Erschienen in: Amtsblatt Radebeul, August 2017