Paul Brüll – Der erste Stadtarchivar Radebeuls und Hüter der Chroniken

Die Ortsgeschichtsschreiber aus vergangenen Zeiten legten mit ihren Chroniken den Grundstein für die Erschließung der Stadtgeschichte für zukünftige Interessierte. Damit hatten sie großen Anteil an der Entwicklung des Radebeuler Stadtarchives zum "Gedächtnis der Stadt". Doch allein mit dem Aufschreiben der Historie ist es nicht getan, es muss für die nachfolgenden Leser erhalten werden. Dies ist die Aufgabe des Archives, und damit war es die Angelegenheit Paul Brülls, der die Basis unseres heutigen Radebeuler Archives erarbeitete. Wir wollen uns daher den ersten Stadtarchivar, der im stolzen Alter von 66 Jahren die Archivtätigkeit übernahm, etwas genauer anschauen.

Er wurde 1892 in Lichtenberg/Kreis Kamenz geboren, wuchs in Radeberg auf und wurde in Bautzen zum Lehrer ausgebildet. Wissensvermittlung und Erhalt von Kulturgut waren für ihn eine Herzensangelegenheit. So unterrichtete er von 1914-1933 an der Schillerschule in Radebeul. Politisch war er auch interessiert, seit 1919 gehörte er der SPD an. Er engagierte sich nämlich für die Arbeiterbewegung und manifestierte seine Mitwirkung 1921 im Stadtverordnetenamt. Während dieser Partizipation war er maßgeblich an der Errichtung und Verwaltung der ersten örtlichen Jugendherberge beteiligt. Diese entstand 1920 in einem Nebengebäude der Oberlößnitzer Schule, und sollte jungen Menschen ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit, Herkunft oder Glaubensbekenntnisses eine preiswerte Unterkunft bieten. Die Räumlichkeiten dieser Bleibe wurden dann 1924 auf die Hoflößnitz ausgeweitet.

Aufgrund seiner Teilhabe in der SPD geriet er 1933 für einen Monat in Haft. In seinen Memoiren ist zu lesen, dass ihm in diesen ungewissen Tagen die Besuche seiner Lieben und die Lektüre Karl May's Ölprinz einzigen Trost brachten. Seit 1933 war er Inhaber eines kleinen Lebensmittelgeschäftes und arbeitete nebenbei als Buchhalter für die Firma Madaus. Dies war ein medizinisches Unternehmen, welches auf homöopathische Präparate spezialisiert war.

Seit 1945 war er stellvertretender Vorsitzender SPD, doch die Schule ließ ihn nicht los, denn nach Ende des 2. Weltkrieges wurde er zum Schulrat bzw. Berufsschuldirektor ernannt. Neben diesem pädagogischen und politischen Einsatz wirkte er aktiv im Kulturbund mit. Hier gründete und leitete er die Fachgruppe Denkmalschutz und Stadtgeschichte.  Im Zusammenhang mit dieser Beschäftigung kam es, dass er im Jahr 1958 dem Ruf zum ersten Stadtarchivar Radebeuls folgte.

 1960 war es soweit, im "Haus Heimattreue" (Lößnitzstraße 16) wurde das Archiv eingerichtet. Zum ersten Mal konnte eine inhaltliche Erschließung aller historischen Gemeindeunterlagen vorgenommen und in einem Findbuch sortiert werden. Auf diese reichhaltige Nutzbarmachung von Wissen wird auch heute noch rege zurückgegriffen. Das Stadtarchiv beherbergt inzwischen eine Vielzahl an Akten allein zu den ehemaligen Ursprungsgemeinden, die heute die Stadt Radebeul bilden. Auch geht die Archivbibliothek auf den Enthusiasmus Paul Brülls zurück. Doch sein größter Verdienst ist die Erstellung einer thematischen Stichwortkartei, denn auch wenn die Technik in den Archiven überall auf dem Vormarsch ist, ersetzt die Maschine nicht das Querdenken eines gelehrten Geistes. Zudem verwandte er viel Energie darauf, die Archivarbeit den Bürgern näherzubringen, indem er sie ermunterte, eine Hauschronik zu erstellen oder alte Fotos zu überbringen. Besonders erinnerte sich der Lehrer in ihm an die Bedeutung der Pädagogik. So stellte er besonders Kindern die Welt des Archives vor. Er selbst schrieb in diesem Zusammenhang: "… wie wenig noch die Möglichkeiten eines interessanten Archivbesuches durch die Klassenlehrer genutzt werden. Das zu verbessern ist für mich die wichtigste Aufgabe."

Am 11.08.1983 verstarb Paul Brüll in Radebeul. Auf dem Heidefriedhof fand er seinen letzten Ruheplatz.

Man kann also sagen, im Archiv verknüpfen sich zum Schluss aufs Beste die verschiedenen Lebenswege Paul Brülls, der sich als Lehrer, Gelehrter, Kulturgeist, und Unternehmer stets für Wissen, Aufbau und Zukunft eingesetzt hatte.

Bis 1991 befand sich das Stadtarchiv Radebeul im "Albertschlösschen" (Gohliser Straße 1), jetzt hat es seinen Sitz im Wasapark Haus 1 (Wasastraße 50).

Maren Gündel (Stadtarchiv)

(1) Stadtlexikon Radebeul - Historisches Handbuch für die Lößnitz, Hrsg. vom Stadtarchiv Radebeul 2006.

(2) Stadtarchiv Radebeul Akte S 16-16, S 11 - 07, S 11 - 08, sowie S 11-15.