Moritz Ziller - Stadt Radebeul

Die Zillers - Ein Lößnitzer Baumeisterclan. Gestalter des Radebeuler Stadtbildes

Das deutsche Fernsehen erfreut einen immer wieder mit aufgestylten, drei-teiligen Sippenverfilmungen mit schnittigen Titeln wie "Das Adlon. Eine Familiensaga" oder "Krupp. Eine deutsche Familie" Die Wagners dürfen endlich als Nächstes. Warum nicht auch einmal "Die Zillers. Ein Lößnitzer Baumeisterclan"? Vielleicht, weil die Lößnitz zu beschaulich, und die Familienbande mit weniger Dramatik auskam. Dramatisch aber, und in einem gänzlich erbaulichen Sinn, war der Einfluss der Familie auf das Gesicht der Stadt. Ohne sie sähe das Antlitz der Villen- und Gartenstadt von Grund auf anders aus. Ohne sie gäbe es dieses charakteristische Prädikat vielleicht gar nicht.

Neben Blut floss der stadtbekannten Baumeisterfamilie auch Gestein durch die Adern. Der Drang Häuser zu bauen vererbte sich. Moritz wurde als zweites Kind im September 1838 in diesen Wirkungskreis geboren, 8 weitere Geschwister sollen noch folgen. Sein großer Bruder Ernst war der Erste, der seine Sommerferien auf den zahlreichen Baustellen des väterlichen Unternehmens verbrachte. Moritz folgte dem Beispiel. Das Talent fiel nicht weit vom Stamm, es brachte beide in die Königliche Bauschule Dresden. Sie studierten in Leipzig und zogen daraufhin nach Wien, wo Moritz eine Stelle als Zimmermann annahm. Im Winterquartal zurück in Dresden wurde an der Akademie der Bildenden Künste weiter geforscht. Im Sommer 1859 übernahm Moritz die Firma des Vaters Christian Gottlieb, der sie wiederum von seinem Vater, dem Begründer des Familienunternehmens, Johann Christian Ziller, übernommen hatte. 1867 und mit neuem Namen "Gebrüder Ziller" hatte sich der praktisch veranlagte Moritz schließlich seinen jüngeren und künstlerisch begabten Bruder Gustav mit ins unternehmerische Boot geholt. In den Gründerjahren der Lößnitz erwuchs sich ein regelrechter Bauboom, von dem die Brüder enorm profitierten. Prächtige Villen schossen wie Pilze aus dem Boden, nicht wenige davon unter der Regie der Zillers. Ganze Straßenzüge entstanden auf ihren Schreibtischen. Nach der Reblauskatastrophe lagen etliche Rebflächen, die sich damals noch weit ins Flachland erstreckten, brach. Warum keine Häuser darauf bauen? Zumal die Lößnitzstadt für immer mehr Menschen eine Heimat werden sollte. Zählten die Ursprungsgemeinden 1871 zusammen noch knapp 7400 Einwohner, waren es 1880 schon 11.739 und 1890 sogar 16.100. Das Sächsische Nizza florierte und gleichsam das Ziller-Unternehmen. Sie kauften viele Brachflächen auf, entwarfen Villen im Schweizer Stil, ließen ihre Pläne Wirklichkeit werden, vermarkteten und verkauften die neuen Gebäude mit Hilfe ihres Kaufmann-Bruders Heinrich Otto Ziller - alles aus einer Familienhand. Nicht nur die Bauwerke an sich, auch der öffentlichen Raum drum herum bekam besondere Aufmerksamkeit. Ob Brunnenanlagen, Figurenarchitektur oder Gartenbepflanzung, alles wurde ansprechend und harmonisch gestaltet. Ob für private oder für öffentliche Nutzung, auf viele Säulen gebaut war die zillersche Profession. Hätten wir ohne sie eine Friedensburg (hätten wir mit ihnen einen Burgfrieden)? Das Luisenstift, eine Lernstätte nicht nur für den Geist; das Bilz-Sanatorium, eine Heilstätte nicht nur für den Körper? Wo hätte Karl May wohnen sollen? Und wäre er überhaupt in Radebeul geblieben, hätte er zum meistgelesenen Autor seiner Zeit avancieren können ohne seine Villa Shatterhand? Unmöglich auf diese Fragen schnittige Antworten zu finden. Unmöglich all jene Bauwerke aufzuzählen, die den Grundstein des uns bekannten Radebeuls bilden und damit die Familie Ziller ins Stadtgedächtnis vermauert haben - zumindest so lange, bis hier kein Stein mehr auf dem anderen steht.

Moritz Ziller starb vor 120 Jahren, am 11. Oktober 1895 in Oberlößnitz. Sein Nachruf ehrt ihn als Gestalter der Lößnitz und lobt sein unermüdliches Engagement. Besonders hervorzuheben ist sein Ehrenamt als langjähriger Vorsitzender des "Verschönerungsvereins". Um seinem Lebenswerk Rechnung zu tragen wurde 1890 eine Straße nach ihm benannt. Leider musste er diesen Orden später an Hölderlin, immerhin ein bedeutender Baumeister des Versmaßes, abgeben. Der in jüngster Zeit ausgelobte Moritz-Ziller-Preis hält einerseits das Verdienst in würdiger Erinnerung, andererseits fördert er innovative stadtplanerische Zukunftsideen talentierter Architekten.

Ernst Ziller selbst findet sich am Ende in Griechenland wieder und lässt dort eine große Zahl an Prachtbauten entstehen, darunter den Wohnpalast des Freundes Heinrich Schliemann. Wie es dazu kam? Das ist eine andere Geschichte. Vielleicht ja bald im Fernsehen.

 

Maren Gündel, Stadtarchiv

 

Erschienen in: Amtsblatt Radebeul Oktober 2015