Der „Mauersprung“ des jungen Martin Andersen Nexø (1869-1954)

Wer arm geboren wurde, stirbt auch arm. Diese Binsenweisheit, die einer schwarzen Wolke gleich über Christianshavn, einem bedrückenden Arbeiterviertel Kopenhagens, schwebte, traf vielleicht auf die meisten seiner Bewohner zu, nicht aber auf Martin Andersen Nexø. Vor 145 Jahren, am 26. Juni 1869, wurde er in dieses Milieu geboren und keiner vermochte dort zu erahnen, welchen wendungsreichen Lebensweg das Schicksal für ihn vorgesehen hatte. Es sollte ihn nicht nur durch verschiedene Länder führen und unterwegs für einige Monate nach Radebeul geleiten.

Als Armeleutespross im Elendsviertel standen die Aufstiegschancen des jungen Martin eher schlecht, sodass sich die Frage stellt, wie es geschah, dass er die Welt der Worte kennen lernen und einen derartigen Erfolg als (Volks-)Dichter feiern konnte. Dies ein wenig zu ergründen, soll Inhalt des Folgenden sein.

Der Vater war Steinhauer von Beruf, dabei trotzig, unerbittlich und rigoros im Charakter. Er versoff den Lohn und verprügelte die Kinder. Mit 8 Jahren zog Vater Andersen mit seiner Familie nach Neksø, Bornholms zweitgrößter Siedlung, wo er ein Haus baute, welches heute das Martin-Andersen-Nexø-Museum beherbergt. Schulleistung und Konfirmandenstudium ließen erkennen, dass Martin nicht auf den Kopf gefallen war, der Pfarrer ermunterte ihn sogar zur akademischen Laufbahn. Die Auseinandersetzung mit Sprache, Literatur und Religion sowie der Drang, den Menschen seelsorgerisch-moralischen Beistand zu leisten - alles wurde hier gesät. Dennoch zwang ihn sein Vater dem bäuerlichen Lebenskreis entsprechend zur Arbeit in der Landwirtschaft, wo er trübe Jahre als Unfreier, umgeben von Mist, Schlamm und Ungeziefer fristete. Der Ausweg aus dieser Misere lag in einer Handwerkslehre. So oft waren ihm die Schuhe im Morast stecken geblieben, also beendete er als Schustergeselle eine Ausbildung.

Der Sprung über eine Mauer, auf der Flucht vor einem liebestollen Mädchen -so und nicht anders wollte er es biographisch verstanden wissen- sollte sich für Martin als geradezu prophetischen Satz entpuppen, landete er doch mitten im Garten der Volkshochschulvereinigung, die soeben ein Fest beging - und damit in einer anderen Welt. Mit großem Elan entdeckte er diese Welt für sich, sie hatte äußerst vielfältige Programme, Kurse, Vorträge oder Konzerte zu bieten, und dank finanzieller Unterstützung verschiedener Mäzene nahm ihn letztendlich die Volkshochschule als Schüler auf (ähnlich einer Internatsschule). Hier wurde "das lebende Wort" gepflegt und rasch gefiel ihm der Lehrerberuf. Im Studium blühte er auf, seine Leistungen überzeugten etliche Gönner und so vermochte er es nach Askov an die größte Volkshochschule zu wechseln. Hatte er offenbar bis dato vor weiblicher Gesellschaft erschrocken Reißaus genommen, zog er schließlich ins Haus der Dichterwitwe Mathilde Molbech - eine Frauengestalt, die sein Schicksal entscheidend beeinflussen wird. In Abwesenheit seiner eigenen ersetzte sie ihm die Mutterfigur, sie schliff seine Manieren, verfeinerte seinen Geist und putzte ihn zu einem achtbaren jungen Mann heraus. Ihr Haus wird ihm langanhaltend als Zuflucht dienen und selbst nachdem er anscheinend ihre Tochter  geschwängert hatte, und diese schnell verheiratet und abgeschoben werden musste, wird die Molbech nicht müde, die Karriere ihres "Ziehsohnes" konsequent voranzutreiben. Neben seinem ersten Lehrerposten in Odense, wagte er dichterische Gehversuche in Form lyrischer Gedichte oder romantischer Prosa und unterschrieb diese, in Abgrenzung zum berühmten Landsmann, mit Martin Andersen-Nexø (später entfällt der Bindestrich).

Wenig später in Mellerup, wo er als Volkshochschullehrer eine Gastdozentur bekleidete, verliebte er sich in seine Schülerin Margarethe Thomsen, die seine erste Frau werden wird.

Und endlich erscheint sein Autoren-Debüt, gespickt mit literarischen Verschmelzungen Bornholmer Tage bzw. Impressionen seiner Europareise durch Deutschland, Italien sowie Spanien. Dieser Erzählband markiert den Beginn seiner Poetenlaufbahn; fortan sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Nächtelange Schreibmarathons bringen ein Buch ums andere hervor, zumeist behandeln sie zwischenmenschliche, psychologische oder gesellschaftskritische Themen. Mit "Pelle der Eroberer" etablierte er sich endgültig zum international anerkannten Schriftsteller (er sah sich selbst nun als "Dichter der Unterklasse") und hinterließ der Nachwelt damit ein literarisch signifikantes Stück Zeitgeschichte. Die Verfilmung von 1987 gewann etliche Preise, darunter die Goldene Palme von Cannes oder den Oscar.

1951 übersiedelte er mitsamt Familie von Dänemark nach Radebeul auf die Brühlstraße 20 (jetzt Prof-Wilhelm-Ring), kurz darauf nach Dresden, wo er vor 60 Jahren am 01. Juni 1954 im Alter von 85 verstarb.

Obwohl er nur wenige Monate zur Radebeuler Bürgerschaft zählte, erinnerte mit seinem Namen noch lange die Grundschule Niederlößnitz an Martin Andersen Nexø; Armut und Elend vermeintlich vorbestimmt, begann dessen reiche Dichterkarriere, indem er einfach über eine Mauer sprang.

 

Maren Gündel, Stadtarchiv

Quelle: Aldo Keel: Martin Andersen Nexø. Der trotzige Däne. Eine Biographie, Berlin 2004

Erschienen in: Amtsblatt Juni 2014