Karl August Lingner - Stadt Radebeul

Karl August Lingner (1861-1916) und die I. Internationale Hygiene-Ausstellung 1911 in Dresden

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg erlebte die medizinische Forschung weltweit einen Boom, sowohl in bahnbrechenden Diagnose- als auch in Therapieformen. Sämtliche modernen Wissenschaften florierten, Erkenntnisse und Fortschrittsfieber allerorten.

Ob Naturheilverfahren oder klassische Medizin, das gemeinsame Ziel war die umfassende Verbesserung der Volksgesundheit und in diesem Zeitgeist begründet sich auch Lingners Engagement zur I. Internationalen Hygiene-Ausstellung Mai-Oktober 1911. Betrachtet man den enormen Aufwand, der für die erfolgreiche Umsetzung nötig war, kommt dieser Messe durchaus der Status einer Weltausstellung zu.

Das alte Gelände am Rand des Großen Gartens musste komplett neu überplant und derart großflächig erweitert werden, dass Brückenkonstruktionen nötig waren, um alle Bereiche miteinander zu verbinden. Die Leitidee war in erster Linie den weltweiten Wissensstand um das weite Feld „Hygiene“ abzubilden bzw. emporzuheben. Spielerisch angelockt wurde der breite Besucherstrom jedoch nicht zuletzt, aufgrund des zusätzlichen ausschweifenden Unterhaltungsangebotes, wie bspw. verschiedenste erlebnisgastronomische Einrichtungen, Theater, Rodelbahn, Kegelhalle, Tanzsalone ect. Denn das Bedürfnis nach vergnüglicher Zerstreuung war bei allen Bevölkerungsschichten ausreichend vorhanden.

Zu vermitteln, dass mit dem klinischen Begriff „Hygiene“ ein sehr weites, ganzheitliches Konzept verbunden ist, bei dem der Mensch mit einer gesunden Lebensführung als Komplex im Mittelpunkt steht, war Lingners lebenslanges Wirken und Streben.

Karl August Lingner wurde vor 155 Jahren in Magdeburg geboren, durchlief eine Ausbildung zum Kaufmann und kam über Umwege von Paris nach Dresden, wo er zunächst als unglücklicher Angestellter und daraufhin als glücksuchender Kleinunternehmer tätig war. Mit „Odol“ – dem ersten Kassenschlager und bis heute bekanntesten Produkt- sollte er es finden. Die Radebeuler Chemische Fabrik von Heyden lieferte ihm dazu den entscheidenden Produktionsgrundstoff. Der enorme Absatz dieses antiseptischen Mundwassers ermöglichte Lingner den kometenhaften finanziellen Aufstieg, denn geschäftsmäßig hochversiert verband er seine Produkte mit breitenwirksamen Werbekampagnen. Solche großangelegten Verkaufsstrategien waren für die Jahrhundertwende selten und außergewöhnlich. Denn trotz der nahezu täglich aufkommenden Schlagzeilen über die neuesten wissenschaftlichen Progressionen, sah sich die allgemeine Lebenssituation geprägt von Not und Elend, Krankheiten, hoher Kindersterblichkeit, Alkoholismus, kleinen fensterlosen Arbeiterunterkünften und giftigen Industrieabgasen in der Atemluft. Dieser Welt die erstickende Decke wegzuziehen und „Licht, Luft und Seife“ an die Menschen zu lassen, dafür wirkten nicht nur Lingner, sondern eine ganze Bewegung von Reformern, der nicht zuletzt auch der Radebeuler Naturheilkundler Friedrich Eduard Bilz (1842-1922) angehörte.

Lingner agierte allerdings nicht ausschließlich als aufopfernder messianischer Vorkämpfer der philantropischen Sache, freilich beglich ihm sein Wirken nicht zuletzt seinen luxuriösen Lebensstil. Er war rationaler Geschäftsmann und fand seine Bestimmung in der wissenschaftlich fundierten Aufklärung sowie dem breitenwirksamen Bildungsauftrag. In diesem Kontext ist auch sein Mammutprojekt der Hygiene-Ausstellung zu sehen, welche er vielfach mit einem zum Leben erweckten Gesundheits-Lehrbuch verglich. Der große Erfolg der Ausstellung gab ihm recht. Die Bilanz: mehr als 5 Millionen Besucher in 6 Monaten spülten über 1 Million Mark Reingewinn in die Stiftungskasse, was gleichsam den Gründungsmoment des Deutschen Hygiene-Museums darstellt. Ob Lingner mit dem Radebeuler Naturheilkundler Bilz eine aktive Freundschaft unterhielt, ist hier nicht ermittelbar, aber zumindest waren sie Freunde im Geiste. Das Bilz’sche Sanatorium im Lößnitzgrund bestand bereits seit den 1890ern und wurde stetig erweitert. Natürlich besuchte Bilz die Hygiene-Ausstellung und war besonders angetan von der Undosa Wellenmaschine, die er prompt für sein „Licht-Luft-Bad“ erwarb und die seit 1912 bis heute als älteste Maschine ihrer Bauart in Betrieb ist.

Karl August Lingner selbst blieb trotz des großen Erfolges seiner eifrigen Tätigkeiten – er subventionierte zudem Dresdner Kultureinrichtungen, gründete verschiedenste Gesundheitseinrichtungen, stiftete eine Lesehalle, konzipierte viele Ausstellungen zum Thema Volksgesundheit oder trug zur Erweiterung von Krankenhäusern bei – und trotz zahlreicher Ehrungen die Ernennung in den Adelsstand ebenso versagt wie ein langes Leben. Der Odolkönig verstarb bereits 1916 an Zungenkrebs, und liegt seit 1922 seinem testamentarischen Wunsch gemäß in einem Mausoleum am Fuße des Weinberges unterhalb seines Lingner-Schlosses bestattet.

 

 

Maren Gündel, Stadtarchiv

Erschienen in: Amtsblatt Radebeul, März 2016