Jeanne Berta Semmig - Stadt Radebeul

Eine Ode an die Freundschaft und das geschriebene Wort mit Jeanne Berta Semmig zum 150. Geburtstag

Jeanne Berta Semmig war eine ganz feinsinnige, starke und bewundernswerte Frau, deren Verscheiden am 28. Juli 1958 große Trauer hervorrief. Dennoch ist die engagierte Lehrerin und vielstimmige Schriftstellerin, die in Radebeul ihren Lebensabend verbrachte, nahezu in Vergessenheit geraten.

Am 16. Mai 1867 wurde sie in Orleans geboren, ihr Vorname ist dabei eine Reminiszenz an die emporlodernde Heldin ihrer Geburtsstadt. Ihr aus Döbeln stammender Vater Dr. Friedrich Hermann Semmig war zunächst an einer Schule in Leipzig tätig. Aufgrund seiner Beteiligung am bürgerlichen Maiaufstand 1849 in Dresden hatte er wie u.a. Richard Wagner nach Frankreich zu fliehen. Ein Studium an der Pariser Sorbonne und viele Jahre als Deutschlehrer in Orleans bestimmten sein Exil. Erst 1870 konnte er mitsamt seiner inzwischen gegründeten Familie (Ehefrau Adèle geb. Cornichon und den beiden Töchtern Jeanne Berthe und Adèle Armanda) via England nach Leipzig zurückkehren, wo er als Französischprofessor und später als freischaffender Autor arbeitete. Die Liebe zum Unterrichten und Schreiben wurde Jeanne Berta also seitens dieser eindrucksvollen Vaterfigur mitgegeben. 1921 wird sie ihm in ihrem Buch „Die Wege eines Deutschen“ ein literarisches Denkmal setzen. Ihre Mutter hatte sie leider schon früh verloren: 1873 bei der Geburt der dritten Schwester Arminia, ein Leipziger Schulkind war sie da. 10 Jahre später führte sie ihr Weg zum Lehrerinnenseminar nach Callnberg/Lichtenstein.

Zunächst findet sie 1886-1890 eine Anstellung als Hauslehrerin für die Töchter des Oberhofmeisters von Minckwitz in Altenburg, bevor sie dann ab 1891 eine 40 Jahre währende Tätigkeit als hingebungsvolle Volksschullehrerin in der 6. Bezirksschule Dresden Altstadt aufnimmt. Verschiedene Angebote von Bürgerschulen schlug sie aus um „die Kinder des Volkes nicht zu verlassen“.

Bereits in frühen Jahren ihrer Lehrerzeit debütiert sie schriftstellerisch als sie Gedichte, Erzählungen und Novellen in Zeitschriften veröffentlicht. Das erste eigene Buch, ein Lyrikband, erscheint 1897. Verschiedene Verlage nehmen anschließend weitere Gedichtsammlungen, Novellen und Belletristisches ins Repertoire. Viel besprochen wurde u.a. ihre Dichtung „Die Geschichte von der armen Isolde Weißhand und Herrn Tristan“ (1919). Als 60jährige lässt sie 1927 ihre erste Lebensbeschreibung drucken („Ich träum' mich als Kind zurücke. Erinnerungen“). Das Aufkommen der Nazis und der Zweite Weltkrieg markieren einen Schnitt in ihrem Schriftwerk. Erst 1947 folgt mit „Jeanne d’Arc“ die nächste beachtenswerte Neuerscheinung.

Als bescheiden, still und scharfsinnig wird sie charakterisiert. Zudem habe sie stets mehr Aufhebens um Andere gemacht als um sich selbst, auch als ihre eigene Welt nahezu zusammenbrach. Bereits 1944 wurde ihre Dresdner Wohnung von Fliegerbomben beschädigt, doch sie konnte wieder einziehen. Umso erschütternder war die Ausbombung Februar 1945, der ihre Wohnung und ihr künstlerisches Lebenswerk mit einem Schlag zerstörte. Zum Glück nicht aber ihr Leben, ihre Geisteshaltung und ihre Schaffenskraft. Die Schilderung des Weges der 78jährigen ganz allein fort von der brennenden Altstadt mit der Fähre hinüber Richtung Radebeul liest sich verstörend, viele Menschen am rechten Elbufer scheinen das Ausmaß des Geschehenden noch gar nicht zu erfasst zu haben. Auch die Straßenbahnen fuhren noch, eine davon bringt die Flüchtende in die Lößnitz. Drinnen sitzen zwei plaudernde Herren und auch sie selbst scheint keinen bestürzten Eindruck gemacht zu haben, denn die Freunde, bei denen sie Obdach sucht, wollen direkt in Dresden eine Tante besuchen. Sie gelangen nur bis Bahnhof Neustadt, dann begreifen sie und kehren um.

Ein neues Heim und Dichterstube fand Jeanne Berta Semmig schließlich im Feierabendheim Altfriedstein, wo sie bis zu ihrem Tode die Schreibfeder schwang, Freunde empfing oder schlicht den Blick über die Niederlößnitzer Baumkronen nach Cossebaude genoss. Ihr Spätwerk zeichnet vor allem die Biographie über die Vorkämpferin der deutschen Frauenbewegung, Louise Otto-Peters, aus. Posthum erscheint ihre zweite Lebensbeschreibung „Aus acht Jahrzenten“ (1975). Viel Lob hat sie für ihr schriftstellerisches Lebenswerk erhalten, z.B. in Form der Auszeichnung mit der Clara-Zetkin-Medaille.

Aber auch vom großen Dichter Hermann Hesse, mit dem sie eine über 50 Jahre währende enge Brieffreundschaft pflegte. Einer ersten Begegnung 1907 ging bereits die Vermittlung durch Odenwaldpfarrer Karl Ernst Knodt voraus, ein damaliger Mäzen junger Dichtertalente. Dann besuchte sie Hesse 1930 in der Schweiz. Obwohl es bei diesen beiden Treffen bleiben sollte, waren sie stets im Geiste eng verbunden. Beide ließen den Schriftwechsel nie abreißen, am Ende umfasst die Korrespondenz knapp 130 Briefe. Daneben pflegte sie treu eine Vielzahl an Freundschaften mit namenhaften Dichtern, Künstlern und Gelehrten. Dazu war sie in Literaturkreisen aktiv, wie dem „Literarischen Verein Dresden“, oder dem „Wilhelm-Raabe-Kreis“. Dem „Literarischen Bund deutscher Frauen“ stand sie als Präsidentin vor und wirkte hier hingebungsvoll für zwei ihrer Herzensangelegenheiten: Völkerverständigung (vor allem mit Frankreich) und humanistisches Engagement.

Sie blieb ledig und bekennt, dass Freundschaften ihr stets das größte Geschenk im Leben gewesen seien. Bei solch einem prall gefüllten Dasein, mit allen Höhen und Tiefen, und trotzdem immer den leisen Tönen verpflichtet, trübt sich irgendwann auch das stärkte Lebenslicht. Und so entschläft Jeanne Berta Semmig friedlich in einer regnerischen Sommernacht. Da ihr Werk und Wirken kaum mehr Beachtung findet, soll hier an sie erinnert werden.

 

Maren Gündel, Stadtarchiv

 

Erschienen in: Amtsblatt Radebeul, Mai 2017