Der Erste Weltkrieg aus Kindersicht

Die Tagebuchaufzeichnungen eines Bibliothekars aus Leidenschaft: Helmut Deckert (1913-2005)

Mit dem Dezember beginnt alljährlich die Zeit der Alltagshast, der Naschereien, aber hoffentlich auch der Besinnlichkeit. Innehaltend und versonnen bei einer Tasse Punsch rufen wir uns in solch einem Moment vielleicht Episoden früher Kinderzeit ins Gedächtnis, als die Weihnachtszeit noch in wunderbringenden Glanz gehüllt war. Manch einer zückt direkt die Feder, um den Erinnerungsfaden auf Papier zu bannen. Einige solcher Lebenserinnerungen finden dann ihren Weg ins Archiv, wie jene umfangreiche Biographie des Helmut Deckert, die uns in 3 Bänden überliefert ist und mit dem Ersten Weltkrieg beginnt.

1913 in Dresden-Klotzsche in eine aus Wien stammende Industriellenfamilie geboren, begann Deckert seine Laufbahn am Wettiner Gymnasium, bevor er in Leipzig zunächst Philosophie und Germanistik studierte. Die sich dort ausbreitende Nazi-Ideologie ablehnend, wandte er sich einer Bibliotheksausbildung zu. Knapp 50 Jahre widmete er sich dann als Bibliothekar und stellvertretender Direktor der Sächsischen Landesbibliothek. Nach seiner Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1945 wirkte er umtriebig für das Schließen der Bestandslücken, welche durch die NS-Zeit entstanden waren, sowie für die Einrichtung des Buchmuseums. Seine Leidenschaft galt vor allem alten Handschriften. Ihm ist beispielsweise die komplexe Dokumentation über die Maya-Handschrift (Codex Dresdensis), die wichtigste Kostbarkeit der Bibliothek, zu verdanken. Auf über 1000 Seiten hinterließ Deckert eine detailreiche Lebensrückschau, bildet persönliche Vor- und Nachkriegserlebnisse beider Weltkriege ab, gibt leuchtende Einblicke in seinen Charakter und beschreibt dabei u.a., wie er in unserer Niederlößniz ab 1930 eine neue Heimat fand.

Spezielle Erlebnisse in außergewöhnlichen Zeiten bleiben rückblickend besonders haften; gerade wenn es sich um eine Kindheit im Ersten Weltkrieg handelt. Seine frühesten Erinnerungen daran beschreibt er so:

„Ich sah als Kleinkind täglich die zum Exerzieren ausrückenden Soldaten hinauf zu den Schützengräben marschieren und lief mit einem Holzgewehr auf der Schulter „heu-hia-heu“ rufend (was ich nicht erklären kann) in kindischem Nachahmungstrieb durch unseren Garten. Wie blödsinnig sich dieses Feinddenken damals auswirkte, zeigt das Verhalten unserer Köchin, die mir weismachte, daß in mühsam gehamsterten Eiern „böse Mosasen“ versteckt seien. Mosasen nannte ich die Franzosen und die waren ja zu vernichtende Feinde. Also ergriff ich, als die Köchin die Küche verließ, den großen hölzernen Fleischklopfer und zerdrosch die Eier.

Meine allerfrüheste Eigenerinnerungen betreffen die Arsenalsexplosion des Jahres 1916, die sich in Klotzsche so stark auswirkte, dass ich vom Clodeckel herunterkippte und unserem Dienstmädchen die Schaufensterscheibe von Bäcker Weidling entgegenstürzte. Meine Eltern flohen mit uns nach Radeberg. […] Die Lebensmittelzuteilungen waren im 1. Weltkrieg weit schlechter als im zweiten und zeichneten sich durch ein Angebot äußerst übelschmeckender Ersatzprodukte aus, von denen mir ein sog. Morgentrank als Kakaoersatz in gräßlicher Erinnerung geblieben ist. Auch an Dörrgemüse und Kohlrüben, sowie an enge Schuhe mit Holzsohlen, in denen ich stets Fußweh hatte, denke ich schaudernd zurück.“

 

 

Im Jahr 1917 hatte sich sein Onkel in Wien erschossen, weil er „in schlechte Gesellschaft geraten war, die ihn erpressen wollte“. Er hinterließ dem kleinen Helmut, „den er besonders ins Herz geschlossen hatte, 300 000 Kronen. […] Nach jahrelangem Hin und Her meines Vaters mit dem Kurator gelangten als lächerliche Erbschaft vier (!) Reichsmark an mich sowie 2 Ölgemälde, 1 Messingbett und 3 Schulbücher (ein österr. Lesebuch, Pokornys Naturgeschichte und Caesars De bello Gallico). Ölgemälde und Bett wurden später verkauft, die Bücher verbrannten 1945 und von den 4 Mark kaufte ich mir einen Satz Briefmarken für meine Sammlung, den ich heute noch besitze.“ Im Nachwort resümiert Deckert, dass in seinem Leben trotz vieler Kalamitäten, wie „zwei mörderische Kriege mit folgenden Notzeiten, Ausbombung, Gefangenschaft und Tbc“, dennoch die „Sternstunden beruflichen und privaten Glücks“ überwogen.

Der in die Geschichte eingegangene und mythologisch aufgeladene sog. "Weihnachtsfrieden von 1914" stellt auch solch eine Sternstunde der Menschlichkeit dar. Spontane Verbrüderungen am Weihnachtsabend in den Schützengräben zwischen meist deutschen und englischen Soldaten ermöglichten eine Begegnung zwischen Menschen. Sie reichten sich die Hände, sangen gemeinsam Weihnachtslieder, beschenkten einander. Ein kurzer Moment des Friedens und des wunderbringenden Glanzes. 


In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine segensreiche Weihnachtszeit!

Maren Gündel, Stadtarchiv

Erschienen in: Amtsblatt Radebeul, Dezember 2014