Ellen Schou - Stadt Radebeul

Dänische Wortkunst in deutscher Sprache. Der Übersetzerin Ellen Schou zum 45. Todestag

Postkarte Altfriedstein
Foto: Stadtarchiv Radebeul

„In den Räumen, die vor zweihundert Jahren den feudalen Pomp glänzender Feste gesehen haben, geht es jetzt sehr still zu. Für diejenigen, die nun hier wohnen ist es Feierabend geworden. Hier ruhen sie aus nach einer langen, oft mühevollen Lebenswanderung. Hier begegnen sich die verschiedenartigsten Schicksale, und hier spiegelt sich das neue veränderte Leben wieder. Alle Schichten und Berufe sind hier vertreten: die Arbeiterfrau, die vierzehn Kindern das Leben gegeben hat, die Schriftstellerin, die Krankenpflegerin und die verwitwete Lehrersfrau – alle wohnen sie friedlich Tür an Tür und leben einträchtig wie eine große Familie zusammen.“

Diese Worte entstammen der Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin Ellen Schou, die gemeinsam mit ihrer Freundin Jeanne Berta Semmig im Feierabendheim Altfriedstein ihren Lebensabend verbrachte. Vor 45 Jahren, am 24. Juni 1972 ist sie dort verstorben. „Mühevolle Lebenswanderung“ ist eine Beschreibung, die auch auf sie selbst zutrifft, denn nicht einfach war ihr Weg. Am 28. Juni 1886 wurde sie in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen in einfachste Verhältnisse geboren. Nachdem ihre Mutter, einer Bauernfamilie entstammend, bereits früh verstarb und der Vater, er war Seemann, auf dem Meer verschollen blieb, war die kleine Ellen der harten Welt alleine ausgeliefert. Hunger in Körper und Seele waren ständige Begleiter. Wie ihre Schulbildung aussah, ist nicht bekannt, doch man weiß, dass sie erfolgreich eine Ausbildung zur Buchbinderin durchlief. Papier und Buchstaben schienen sie fasziniert zu haben, einst sagte sie: „das Schreiben zog mich an.“ Vom Tanzen als Beruf hatte sie ebenfalls geträumt. Denn ein Cousin mütterlicherseits war Schauspieler und entführte sie in die schillernde Welt von Theater, Kultur und Bühnenkunst. So lernte sie eine Schweizer Konzertsängerin kennen und begann für sie als Sekretärin und Gesellschafterin zu arbeiten. Wie lange sie in dieser Rolle tätig war, findet sich in keiner Quelle, doch wahrscheinlich war sie viel unterwegs. Denn tatsächlich begründete sie mit dem Veröffentlichen von Reisebriefen für diverse Zeitschriften ihre journalistische Karriere.

Eine ihrer Landfahrten führte sie nach Deutschland, wo sie Dresden besuchte und gesteht: „dort gefiel es mir besser als in Berlin, deshalb bin ich wohl auch in der sächsischen Hauptstadt hängen geblieben. Ich arbeitete als Korrespondentin für dänische und norwegische Zeitungen.“ Doch auch für die „Sächsische Zeitung“ und den „Freien Bauern“ hat sie redaktionell gewirkt.

Ihre große Bedeutung als Übersetzerin ist zweifelsohne die Übertragung des Werkes von Martin Andersen Nexö (1869-1954), mit dem sie eine Freundschaft verband: „Als Landsmännin und verantwortliche Mitarbeiterin bei der Herausgabe seiner Werke ins Deutsche habe ich oft das Glück gehabt, bei ihm zu sein, besonders, als er noch in Radebeul wohnte.“ Sie verstand es hervorragend Nexös Gedanken- und Wortkunst in die deutsche Sprache zu transferieren. Beim Übersetzen geht es nämlich nicht nur um die schlichte Übertragung einer Mundart, sondern um interkulturellen Austausch und Mediation zwischen Urheber und Publikum. Sinn und Absicht des Autors müssen bestmöglich bewahrt und verständlich abgebildet werden, auch eine politische Verantwortung ist im Translationsprozess inbegriffen. Beider Lebensweg war mühevoll, in Vielem fanden sie Gemeinsamkeiten, vor allem waren sie Freunde im Geist. Die Welt der Armut und das Milieu der Arbeiterschicht in deren realistischer Lebensumgebung sind die Hauptthemen in Nexös Schriftwerk. Doch er beschreibt sie nicht ohne Humor und Satire, seine Protagonisten liegen ihm am Herzen: oft versieht er sie mit bewundernswerter Zähigkeit und dem Witz, das Dasein im Kleinen beim Schopfe zu packen. Auch die Übersetzerin kannte den Mangel am Lebensnotwendigen. So traf Ellen Schou den Kern Nexö’scher Dichtung und vermittelte diese einer breiten Leserschaft. Zu nennen sind hier beispielsweise die Erzählbände „Die Passagiere der leeren Plätze“, „Zugvögel“, „Die Puppe“ oder „Fliegender Sommer“.

Letztere ist eine Geschichte von „[…] zwei kleinen Wesen, die jenen Tiefen angehörten, wohin die Sonne nicht so selbstverständlich hinabreicht.“ Statt Schulbankdrücken gehen sie stiften, lassen sich spitzbübisch und vagabundierend treiben, landen am Ende einer kleinen Weltreise am Gartenzaun einer großen Villa, mit einem „großen Kirschbaum, zum Brechen voll von Kirschen, und zu Hunderten lärmten und randalierten die Spatzen darin.“ Flugs quetschten sie sich durch den Zaun und saßen selbst im Baum. „Die eine Hand sammelte ein, während die andere in den Mund stopfte – ganze Fäuste voll auf einmal. Die Kerne auszuspucken nahmen sie sich nicht die Zeit, dazu war später noch Gelegenheit.“ Doch der Villenbesitzer kehrte vom Badeurlaub überraschend heim, um nach seinen „geliebten Morellen“ zu sehen, entdeckte die kleinen abgemagerten Diebe, verdrosch sie, und ließ sie laufen. „Die Kirschkerne spürten sie wie eine kleine Last im Magen – eine Bestätigung dessen, daß alles Wirklichkeit gewesen war. […] Es war keine Veranlassung, die Sache in Zweifel zu ziehen – es war ein prächtiger Tag gewesen.“

Ohne Ellen Schou hätten wir ihn verpasst.

 

Maren Gündel, Stadtarchiv

 

Quellen: Ellen Schou: Erinnerungen an den Herbst; Martin Andersen Nexö: Fliegender Sommer, Übers. Von Ellen Schou.

 

Erschienen in: Amtsblatt Radebeul, Juni 2017