Neues zur Familienforschung

Nachfahren, Vorfahren – nein, hier geht es nicht um Straßenverkehr. Wobei auch dort so Manchem gewisse Vorgänge fremd zu sein scheinen, geht es hier um die möglichst lückenlose Erforschung der Ahnen (Vorfahren), sowie der Kinder-/Enkel-/Urenkelgeneration (Nachfahren) eines Menschen mittels urkundlicher Belege. Diese Belege finden sich u.a. in Archiven, so auch in unserem Stadtarchiv. Wir leben in einer Zeit der Instabilität: ob sozialer Frieden, wirtschaftlicher Stand oder das politische Klima – alles ist ebenso veränderlich wie vermeintlich feste individuelle Säulen (Familie, Beruf, Umfeld ect.). Was sind meine Wurzeln? Die Frage nach der eigenen Herkunft geht schnell einher mit der Frage: wer bin ich? Hinter jedem Namen der Ahnenkette verbirgt sich ein individuelles Schicksal, welches entdeckt werden will, es ist Teil eines Generationengewebes, zu dem sich die eigene Existenz dazu flicht. Neugier und Identitätssuche sind Impulse, welche die Genealogie hierzulande aktuell boomen lassen, mit weiter steigender Tendenz. Die Erforschung tangiert Lebensumstände, sozialen Stand oder Beziehungsgefüge des Klans – wer weiß, auf was man stößt; Überraschung inklusive. Doch so unübersichtlich wie manche generationsübergreifenden Familienverhältnisse, gestaltet sich auf den ersten Blick das weite Feld der Familienforschung. Sie ergibt sich aus dem ineinandergreifenden Zusammenspiel von Ahnen- und Nachkommenforschung. Im Mittelalter war der Nachweis seiner legitimen Abkunft essentiell für die Zuordnung zu einem bestimmten Stand bzw. zur Aufnahme in einen ausgewählten Personenkreis und damit zur Inanspruchnahme bestimmter Rechte. Besonders in Erbfolgefragen war der Geburtsnachweis entscheidend. In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann dann auch das wohlhabende Bürgertum sich intensiv mit seiner Abstammung zu beschäftigen. Es entstanden Verlage (1847 in Görlitz) und Vereine (1869 Berlin, 1870 Wien). Der 1902 in Dresden gegründete Verein „Roland. Sächsischer Landesverein für Familienforschung und Wappenkunde e. V.“ existiert heute noch als „Dresdner Verein für Genealogie“. 1904 öffnete in Leipzig die „Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte“, welche heute ebenfalls noch große Bedeutung hat als „Deutsche Zentralstelle für Genealogie“ (beim Staatsarchiv Leipzig). Politisch missbraucht wurde dieses Themenfeld dann von den Nazis im Dritten Reich. Es dauerte lange, bis sich die Erforschung der eigene Sippe von diesem negativen Erbe emanzipierte, doch inzwischen erfreut sich das Hobby großer Beliebtheit, zu dem sich verschiedenste Bevölkerungsgruppen entschließen und sich vom eigenen „Jagdfieber“ antreiben lassen.

Vor allem die modernen Medien und Computertechnologien eröffnen ganz neue Möglichkeiten zur Recherche und Vernetzung. Zuerst sollte man, sofern vorhanden, bzw. möglich und gewollt, die Familienmitglieder nach sämtlichen Informationen ausfragen, dabei auch die entfernteren Verwandten nicht außer Acht lassen. Neben Namen und Daten sollten Anekdoten, Episoden und Erzähltes akribisch festgehalten werden, um es später kritisch auf Authentizität abzuklopfen. Bei Familienfesten bietet es sich an, Fragebögen auszugeben; zudem mit der Bitte um Fotos, handschriftliche Aufzeichnungen, Urkunden, Geschäftspapiere, Familienbibeln oder andere Quellen mit genealog. Angaben. Ferner hat es sich bewährt, die eigene Dokumentation sowohl schriftlich in Ordnern anzulegen, als auch parallel ein Computergenealogieprogramm zu benutzen. Von jeder aufgenommenen Person wird ein Personenstammblatt/Karteikarte erstellt (Vorlagen, auch von Fragebögen, erhält man im Internet). Zur Durchnummerierung der Verwandten und hinsichtlich der Übersichtlichkeit wurde bereits 1898 das sog. „Kekule-System“ eingeführt: die Ausgangsperson (Proband) erhält die Ziffer 1, seine Eltern 2 (Vater) und 3 (Mutter). Die Großeltern Ziffern 4-7 usw. Das Standesamt verwaltet u.a. Aufzeichnungen über Geburt, Heirat und Todesfall einer Person in bestimmten Zeitrahmen: Geburten seit 110 J., Hochzeiten seit 80 J., Sterbefälle seit 30 J. Werden für die Forschungen diese Jahre überschritten, d.h. werden Zeiträume anvisiert, die älter sind, bilden die Archive die nächsten Anlaufstellen. Das Stadtarchiv Radebeul hat Personenstandsbücher und Nebenakten im Bestand, mitsamt Namensverzeichnissen, chronolog. ab 1876 in ihrer entsprechenden Zuständigkeit aktuell bis 1906 (Geburten), 1936 (Trauungen) und 1986 (Sterbefälle). Diese sog. Personenstandsunterlagen umfassen mit der Überlieferung aller Ursprungsgemeinden die ehem. Standesämter Kötzschenbroda (1876-1936), Naundorf (1906-1923), Wahnsdorf (1931-1934) sowie das Standesamt Radebeul (seit 1876). Soll eine Zeit erforscht werden, die vor 1876 liegt, folgt der Schritt zu den Kirchenbüchern. Dort finden sich Tauf-, Heirats-, Sterbe- und Begräbnisbücher bzw. Totenregister. Solche Angaben existieren teilweise bereits im Internet, auf CD-Rom, oder auch mikroverfilmt. Für die hiesigen und umliegenden Kirchgemeinden unterhält das Regionalkirchenamt in Dresden eine zentrale Filmlesestelle. Wichtige Hilfsmittel können zudem Leichenpredigten oder Totenzettel sein. Wertvolle Quellen zur regionalen Recherche stellen alte Adressbücher dar: unser Archiv hat sie von 1873-1944 im Bestand; online findet man sie für Dresden&Umgebung im Portal „Sachsendigital“. Nicht zu vergessen sind  Meldeinformationen, welche in den Archiven überliefert sind (das Radebeuler Stadtarchiv verwaltet eine nach Straßennamen geführte DDR-Meldekartei). Oft hilft auch der Kontakt zu einem genealog. Verein, von denen rund 60 in der BRD existieren und nicht zuletzt hat auch schon eine Suchanzeige so manchen „toten Punkt“ in der eigenen Familiengeschichtsforschung überwunden.

Familienforschung mit erweitertem Fokus

Zugehörigkeitsgefühl, Unterhaltungswert oder Orientierung - der Antrieb zur Genealogie ist so vielfältig wie die Forschungswege, die man dabei beschreiten kann. Doch generell spielen Wissensdurst, detektivisches Gespür, und Finderfolg die Hauptrolle: man will den Anekdoten auf den Grund gehen, Lücken schließen, die Wahrheit ermitteln. War die Genealogie ursprünglich auf die Blutlinie fokussiert, verzweigt sie sich inzwischen in ein weites Feld. Ahnenforschung widmet sich in aufsteigender Linie der Aszendenz: von den Eltern zu deren Eltern zu deren Eltern usw. Die Geschwisterebene wird nicht betrachtet. Nachkommensforschung betrifft in absteigender Linie die Deszendenz einer Person oder eines Ehepaares, die „Stammeltern“ genannt werden. Alle Nachkommen sollen aufgespürt werden, auch die der Töchter. Stammforschung wiederum erforscht alle Träger des Familiennamens mit ihren Ehepartnern. Bei der Familienforschung werden sowohl Geschwister erfasst, als auch deren Ehepartner, Kinder und weitere Verwandte. Andere Varianten stellen die Erarbeitung einer Höfechronik oder eines Ortsfamilienbuches dar. Wichtig ist vor allem der Quellennachweis, durch den man jederzeit die Authentizität der Angaben belegen kann. Doch wie ist es möglich, den Vorfahren Leben einzuhauchen, wenn deren Existenz so weit zurückliegt, dass sich selbst betagte Verwandte nicht mehr erinnern können? Man sollte sich deren historischen Kontext anschauen und diesen mit den Daten in Beziehung setzen: Ortschroniken, wie sie auch im Stadtarchiv Radebeul überliefert sind, geben einen interessanten zeitgenössischen Blick in die Regionalgeschichte zu Fragen nach Naturkatastrophen, politischen Umbrüchen, geographischen Veränderungen, Kriegseinwirkung oder technisch-wirtschaftlicher Entwicklung. Aber Familiengeschichtsforschung kann mehr sein als die Erfassung von Namen, Daten und Fakten sowie deren graphische Darstellung. 

Eine speziellere Herangehensweise um die Lebenswelt der Anverwandten aufzudecken, ist, ihrem emotionalen Erbe nachzuspüren, und damit einen Schritt tiefer in der Erinnerungsarbeit zu gehen. Der Ansatz lautet: neben der die Ahnen umgebenden äußeren Welt, ist deren innere Welt ebenso entscheidend für deren Werdegang und damit für die Entwicklung der Familienhistorie. Wer sich für diesen zusätzlichen Blickwinkel interessiert, wird also nicht nur die Daten betrachten, sondern dem Menschlichen ein ebensolches Gewicht für die Forschung einräumen. Der psychologische Faktor wird in das Erkenntnisinteresse einbezogen, welches sich somit um eine innere und verbindende Tiefendimension erweitert.

Generationsübergreifende genealogische Muster

Dieser Familienforscher versucht generationsübergreifende Muster bzw. wiederkehrende Rollenbilder aufzudecken, die von Vorfahren und Verwandten eingenommen wurden/werden. So kennt man innerhalb von Familien beispielsweise Geschichten von Machtausübung auf das Gegenüber; es gibt autoritäre Übergriffe, Überväter und Übermütter, und eine damit verbundene Konkurrenz untereinander oder die Entfremdung voneinander. Daraus leitet er die Frage ab, wie die Rolle der Frau und des Mannes generell in der Sippe gehandhabt wurde. Manchmal zeigen sich Modelle von Opferrollen oder Geschichten von Tätern, sowie Themen der Schuld, die aus langer Vergangenheit immer noch die Gegenwart berühren, oder sogar Tabuthemen, welche die eigene Existenz als schweres Erbe belasten (können). Vereinzelt können Vorfahren zwischen Schuld und Unschuld verstrickt gewesen sein und man kann überlegen, ob daraus Lehren gezogen wurden. Zudem durchziehen manche Familien eine auffällige Häufung von tragischen Umständen, Unfällen oder schweren Schicksalsschlägen. In welchem Ausmaß haben Krieg, Flucht, Traumata oder Gewalt die Familienlinie betroffen, bzw. wie wurde damit umgegangen? Brüche, Schweigen und getrennte Wege sind in einer Familiengeschichte keine Seltenheiten. Auch ziehen sich bisweilen bestimmte Berufsbereiche wie ein roter Faden durch die eigene Genealogie, wie Handwerk, soziales Engagement oder politische Teilhabe, sodass auch hier Rückschlüsse auf persönliche Charaktere gezogen werden können. Gibt es Vorfahren, die vom Weg abwichen, die auswanderten, die „aus der Reihe tanzten“ oder die in irgendeiner Art Familienmythen begründeten, welche heute noch zur innerfamiliären Identitätsbildung herangezogen werden? Bestimmte Stimmungen, Botschaften und Interna werden von den Großeltern auf die Kinder und Kindeskinder übertragen, sowohl durch Erzählen als auch durch Verhalten. Auf diese Weise verpflanzen sich Familiencharakteristika und Gefühlserbschaft innerhalb der eigenen Identität, was wiederum Auswirkungen auf eigene Entscheidungen und damit die individuelle Zukunft haben kann.

Der Ankerpunkt dieser spezielleren Form der Familiengeschichtsbetrachtung soll sein, dass einem die Vorfahren etwas mitteilen, dass es nicht ohne Grund diese generationsübergreifenden Muster und Rollen gibt und dass die Menschen im Gestern, Heute und Morgen innerlich untrennbar miteinander verbunden sind. Ob man sich für den klassischen Weg der Familienforschung entscheidet, oder einen spezielleren Fokus anlegt, ausschlaggebend ist die individuelle Sichtweise. Denn sind nicht Freunde manchmal die entscheidendere Familie für die eigene Geschichte? Was ist Familie überhaupt? Familienforschung kann auch deshalb auch zur eigenen Orientierung beitragen.

Computergenealogie

Parallel kann auch das Internet für den Familienforscher Orientierung bieten. Ob nun allgemeine Informationen zur Materie, Fachfragen zu den historischen Hilfswissenschaften wie bspw. Wappenkunde, Anhaltspunkte um den Themenkreis „Einschiffung nach Übersee“ oder Zugang zu Forschungseinrichtungen wie Archive, Kirchen oder Bibliotheken – das World Wide Web listet zu jeder dieser Anfragen Treffer in Hülle und Fülle auf. Es gibt Möglichkeiten der Recherche zu verschiedenen Genealogieprogrammen oder man tippt den betreffenden Personen/Familiennamen direkt in eine genealogische Datenbank, um zu schauen, welche Ergebnisse die Suchmaschine ausspuckt. Daneben haben sich die Ahnenforscher ein dichtes Netzwerk aus Foren, Mailinglisten und Links aufgebaut, wo ihre Ergebnisse Veröffentlichung finden und rege Diskussionen geführt werden. Beispielsweise hält der Verein für Computergenealogie e.V. ein umfangreiches Internetangebot bereit zu sämtlichen Ahnenforschungsthemen. Es wird auf Portale, Lexika, Bibliographien, Software und Datenbanken verwiesen oder (regionale) Forscherkontakte ermöglicht. Für die aus Amerika stammende Mormonenkirche ist Genealogie ein zentraler Bestandteil, sie stellt ihre weltweit gesammelte Datenbank, v.a. Kirchenbücher, aber auch Handwerks- und Wappenrollen oder Grundbücher, unter www.familysearch.org kostenfrei der Allgemeinheit zur Verfügung. Ebenfalls aus den USA stammt das Rechercheangebot „ancestry“. Inzwischen führt das Unternehmen in vielen europäischen Ländern eigene Portale. Bei www.ancestry.de kann man nach Registrierung und teilweise gegen Gebühr nach historischen Dokumenten, Personennamen, Orten, Stammbäumen, Bildern, Karten oder Publikationen global wie lokal forschen. Die Datenbestände speisen sich z.B. aus Personenstandsunterlagen, Volkszählungen und Wählerlisten, militärischen Aufzeichnungen, Ein- und Auswandererlisten sowie Adressbüchern. Als Mitglied kann man seinen Stammbaum in das Portal einpflegen, und es wird überprüft, ob es mit der Ahnentafel eines anderen Teilnehmers Überschneidungen gibt. Eventuell hat man ja unbekannte Verwandte? Ancestry kooperiert dabei u.a. mit Archiven und digitalisiert genealogisch wertvolles Archivgut, daneben versieht es die Digitalisate mit Indices, damit, unter Berücksichtigung rechtlicher Grundlagen, gezielt eine Trefferliste anhand von Suchworten erstellt werden kann. Die digitalen Dokumente können sowohl vom Archivbesucher im Lesesaal vor Ort benutzt werden, als auch am heimischen PC, wobei die Kosten einer Mitgliedschaft bei Ancestry höher liegen können, als die Nutzungsgebühren des Archives. Hier lohnt sich eine Kalkulation. Für die Archive bringt solch eine Zusammenarbeit Vorteile mit im Hinblick auf die Schonung der Originale, den Aufwand von Digitalisierungsbestrebungen in Eigenregie sowie der Arbeitsentlastung aufgrund der hohen Anzahl an genealog. Anfragen. Nicht zuletzt geschieht dies auch für eine Anpassung an zeitgemäße Informationsbereitstellung bzw. Nutzererwartung.

Das Stadtarchiv Radebeul plant daher ab 2017 mittels der Digitalisierung von Personenstandsunterlagen der Standesämter Radebeuls und Kötzschenbrodas, beginnend ab dem Jahr 1876, sukzessive den Archivnutzern eine Schnittstelle zu Digitalisaten anbieten zu können und gleichsam einen Besucher-Arbeitsplatz mit Zugang dazu einzurichten.

Weitere Recherchemöglichkeiten bietet die aus Frankreich betriebene Seite „Geneanet“ oder das israelische Angebot „MyHeritage“. Die Liste ließe sich fortführen. Das Internet bietet eine Fülle an Möglichkeiten und Informationen, die gleichsam das Problem sein können: ein Überangebot an Text. Auch Genealogiesoftware und Hilfsprogramme gibt es unzählige, die sich nicht nur im Preis enorm unterscheiden (es gibt zudem kostenfreie), sondern auch bezüglich ihrer Arbeitsweisen. Hier ist es sinnvoll zunächst die eigenen Forschungsziele genau abzustecken: sich darüber klar werden, wo der eigene Schwerpunkt liegt, wie weit sich die Untersuchung verzweigen soll und daran die Erfordernisse an das Programm abzuleiten. Testversionen erleichtern die Entscheidung. Im Hinterkopf sollte man auch behalten, dass die angelegten Daten später mit anderer Software kompatibel sein sollten bzw. dass die Daten umgewandelt werden können. So hält man sich die Möglichkeit offen, nach Wunsch den Forschungsradius sukzessive erweitern zu können.

Datensicherung

Doch Digitales hin oder her – was für die Wissenschaft gilt, ist freilich auch für die private Forschung unerlässlich: die Datensicherung. Der Schutz der Informationen, egal ob digital oder analog, ist das A und O. Schon die Lagerung ist entscheidend: feuchte Keller, Dachböden mit hohen Temperaturschwankungen oder Zimmer, in denen geraucht wird, eignen sich freilich nicht als Aufbewahrungsplätze. Auch Risiken wie Wohnungsbrände, Überschwemmung, Festplattendefekt, Diebstahl, Programm(aktualisierungs)fehler oder versehentliches Löschen sollten einkalkuliert und Vorsorge getroffen werden. Computerabstürze durch Hardwareprobleme, verschmutzte Lüfter oder ein defektes Netzteil sind ebensolche Schreckgespenster. Viel davon kann die Forschung empfindlich zurückwerfen oder ganz beenden, deswegen empfehlen sich regelmäßige Sicherungskopien auf externe Speichermedien oder im Onlinespeicher. Wer davon Duplikate außer Haus lagert, erhöht auch hier die Datenverfügbarkeit enorm.

Denn obwohl sich der Genealoge vorrangig mit der Vergangenheit beschäftigt, soll das Hobby ja in die Gegenwart ausstrahlen und für die Zukunft Freude bringen. Wohl dem, der es bis zu den Erzahnenurgroßeltern schafft!

Auswanderung, Flucht und Migration

Die eigene Familiengeschichte zieht sich wie ein Fluss durch Zeiten und Generationen, ist dabei stets in Bewegung. Räumliche Veränderungen bilden oft einen festen Teil in diesem Geflecht. Bei der Erforschung seiner Vorfahren gilt es daher nicht nur zu wissen, wann diese gelebt hatten, sondern vor allem auch wo. Und hat man dann einen alten in Sütterlinhandschrift geschriebenen Dorfnamen entziffern können, heißt das nicht, dass sich die Ortslage heute so einfach rekonstruieren lässt. Schon alleine weil Ortsnamen oft wechseln, sich auch doppeln, oder weil sich Schreibweisen verändern können. Durch Eingemeindung verschwanden Orte von der Landkarte, oder sie wurden im Krieg zerstört und anschließend verlassen. Manche Siedlungen fielen dem Tagebau zum Opfer. Nicht zuletzt ist es Bestandteil der deutschen Geschichte, dass der gesuchte Fleck heute in einem anderen Staat zu finden ist. Für die Suche nach Orten in Nachbarländern und früheren deutschen Gebieten kann die Webseite des Bundeamtes für Kartographie und Geodäsie eine Anlaufstelle sein, ebenso wie die Seite Territorial.de oder Kartenmeister.com. Gemeinde- und Ortsverzeichnisse für Österreich oder Schweiz findet man mittels der Internetauftritte für deren Bundesämter für Statistik. Nicht zuletzt kann bereits die Suche im Genealogischen Ortsverzeichnis bei Genealogy.net zum Finderfolg führen. Gedruckte Lexika bzw. Verzeichnisse von Gemeinden und Orten finden sich zumeist in Bibliothekskatalogen, oder man schaut in das Standartwerk „Müllers Großes Deutsches Ortsbuch“.

Vor allem im 19. Jahrhundert setze eine Migrationswelle in Europa ein. Über den großen Teich und in Amerika das Glück zu finden, war der Wunsch auch vieler Deutscher. Das erste amerikanische Konsulat auf europäischem Boden öffnete in Bremen bereits 1796 seine Pforten, sodass dies zunächst zum wichtigsten Auswandererhafen avancierte. Wenig später kam der Hamburger Hafen dazu. Für 3 Monate existierte in Emden eine Einschiffungsmöglichkeit, die knapp 4000 Emigranten nutzten. Vornehmlich die verarmende Landbevölkerung suchte woanders ein erfolgreicheres Auskommen zu finden. Wer vorhatte das Land dauerhaft zu verlassen, musste in der Heimatverwaltung einen Consensantrag stellen, dessen Erteilung sich teilweise jahrelang hinziehen konnte.

Zeitzeugnisse, die über Einschiffung, Überfahrt, Ankommen und Heimatfinden in Nordamerika lebensnah Auskunft geben, sind Briefe der Auswanderer an die Daheimgebliebenen. In der Forschungsbibliothek Gotha findet sich solch eine wertvolle Quellensammlung für Recherchezwecke. Seit 1820 verlangten die Bundesbehörden der USA, dass Kapitäne ankommender Schiffe eine ausführliche Passierliste aus dem Heimathafen abliefern. Diese Variante enthält oft noch zusätzliche Informationen zum Einreisenden.

Die Bremer Passagierlisten sind größtenteils beim Bombenangriff vernichtet worden, wohingegen der Hamburger Passagierlistenbestand nahezu vollständig erhalten geblieben ist. Darüber hinaus bieten Kirchenbücher, Pass- und Consensanträge, Zeitungseinträge oder Auswandererbriefe aufschlussreiche regionale Primärquellen. Komplettiert werden die Recherchemöglichkeiten durch die amerikanischen Passagierlisten, die im Nationalmuseum der USA sowie dem Nationalarchiv in Washington verwaltet werden. Im Internet findet man zahlreiche Datenbanken, welche über Einreisende in Häfen der USA und Kanada Auskunft geben. Fachkundige Beratung und Datenbankrecherche findet der Familienforscher zudem beim Besuch im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven oder im Auswanderermuseum BallinStadt Hamburg. Nach Brasilien emigrierten ca. 4,3 Mio. Europäer, hier können die Mitarbeiter im Argentinischen Einwanderungsmuseum bei Recherchen helfen. Unterlagen für Migration nach Australien findet man im Australischen Nationalarchiv inkl. kostenfreier Datenbank mit ca. 8 Mio. Datensätzen. Auch Südafrika war eine beliebte Auswandererdestination. Für Rechercheanfragen kann hier das Nationalarchiv eine Anlaufstelle sein.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges befanden sich ca. 11 Mio. ehemalige Zwangsarbeiter, KZ-Überlebende oder Kriegsgefangene in Deutschland, für die zum Großteil keine Heimat mehr existierte. Der Großteil wanderte in die USA aus, aber auch Großbritannien, Belgien, Frankreich, Kanada, Australien, Südamerika oder Palästina waren Aufnahmeländer. Dazu sind Passagierlisten und Namenskarteikarten von 1945-1974 im Staatsarchiv Bremen vorhanden. Die Staats- und Bistumsarchive in Polen haben sich sukzessive der Familienforschung geöffnet, sodass in den letzten Jahren immer mehr Dokumente und Kirchenbücher online zugänglich wurden. Darüber hinaus sind genealog. Vereine aktiv, wie der Pommersche Greif, der Verein für Familienforschung in Ost- und Westpreußen sowie die Forschergruppe Memelland. GenWiki.de bietet Informationen über Litauen und Lettland. Und auch die Archive von Tschechien und Slowakei haben Matrikelbestände online gestellt, teils über eigene Webseiten, teils über die Plattformen Actapublica.eu und Crossborderarchives.

Auch die innerdeutsche Geschichte schreibt ein großes Kapitel zum Thema Flucht. 3 ½  Mio. Menschen flüchten zwischen 1945 und 1961 aus der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR in die Bundesrepublik. Nach dem Bau der Berliner Mauer war eine Flucht nur unter steter Lebensgefahr und auf abenteuerlichen Wegen möglich. Dennoch nahmen zahlreiche DDR-Bürger dieses Risiko auf sich: zwischen Mauerbau und -fall gelang dies mind. 5.075 DDR-Bürgern. Bereits im November 1989 siedelten knapp 133.500 DDR-Bürger in die Bundesrepublik über. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Außenstelle Ursulum bearbeitet Anfragen zum Verbleib von Übersiedlern aus der ehemaligen DDR.

Auswanderung, Flucht, Migration – ob freiwillig oder gezwungen – stellt in jedem Fall einen Bruch dar, sowohl in der persönlichen als auch in der familiären Historie. Die Gehenden erwarten unbekannte Herausforderungen, (Er)Neuerung, aber auch Entwurzelung. Die Daheimgebliebenen werden zu Zurückgelassenen. So oder so hinterlässt dies Spuren im Menschen selbst, z.B. in Themen von Eigenverantwortung, Freiheitsdrang und Selbsterfüllung, aber auch Pragmatismus, Schuldgefühlen oder Verdrängung. Begleiterscheinungen, die sich aus der räumlichen Veränderung ergeben, spiegeln sich u.a. in familiären Legenden wieder, oder im Totschweigen und Exklusion. Dennoch kann das als emotionale Erbschaft innerhalb der Familiengeschichte nachhallen, sich in charakterlichen Mustern einprägen und so den eigenen individuellen Teil des ganzen Gewebes tangieren.

 

Maren Gündel, Stadtarchiv

 

Quellen: Schug/Urmersbach: Achtung Ahnen, ich komme! Praxisbuch moderne Familienforschung 2015; Magazin Familienforschung 2015/2016; Ziegler: Ahnenforschung. Schritt für Schritt zur eigenen Familiengeschichte 2012.

Erschienen in 4 Teilen im Amtsblatt Radebeul Juli/ August/ September 2016, April 2017