Ziegen-Zauberei in Kötzschenbroda. Dichtung und Wahrheit zur Ziegeninsel

Seit April beherbergt Altkötzschenbroda 3 neue Mitbewohner in Form bunt bemalter Holzziegen, welche auf einem Fleckchen grasen, das als Ziegeninsel bekannt ist. Doch manch Anwohner wird diese Bezeichnung vorher vielleicht noch nie gehört haben. Das Stadtarchiv hat sich auf die Suche nach dem Ursprung gemacht und traf auf Erstaunliches.

Adolf Schruth (1872-1946), einer der wichtigsten Heimatchronisten, überliefert uns eine Geschichte aus dem 17. Jhd. voll Hokuspokus ums liebe Ziegenvieh. Aegid und Ebelies Haake, zwei arme und verlotterte Bauern, bewohnten ein abgeranztes Gehöft am Rande Altkötzschenbrodas, "wo der Weg nach Naundorf zu führte". Nicht nur, dass sie die umliegenden Bauern bestahlen, auch ihre windschiefe und zugemüllte Behausung bot allseits Grund zu Groll und Grimm. Einzig die Milch einer Ziege, "alt wie Methusalem", hielt die beiden Gestalten am Leben - sie hüteten diesen kostbaren Besitz wie ihren Augapfel. Doch in diesem Milieu geht jedes määäh und meck meck einmal zu Ende, und so stand eines Abends Aegid verzagt vor dem "Hornvieh, dass alle Viere steif von sich gestreckt und erbärmlich schnaufte und stöhnte." Sofort war klar: die Ziege wurde verhext! - als Rache der Nachbarn, dessen Diebesopfer sie einmal zu viel geworden sind. Im Kampfe gegen bösen Zauber gab es hingegen nur eine Anlaufstelle, den 'Hexenmeister von Kötzschenbroda': den Fisch-Georg. Dieser kauzige Gesell aus dem Rietzschke-Grund war als Wundermann weithin bekannt und machte bei seinen Heilkräften keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Japsend erreichte Aegid den Wunderheiler und rief: "Zschorsch - Fischer - komm mit, Se machts alle". In seinem Gesicht stand solche Verzweiflung, dass Fisch-Georg sogleich das Schlimmste um Ebelies vermutete, doch nein, "De Ziege, Zschorsch, de Ziege machts alle!" Im Haakeschen Stall angekommen, erkannte Georg, dass "das Vieh aus dem letzten Loch pfiff", doch er brachte es nicht über sich den beiden Verhärmten die Hoffnung vollends zu rauben, also begann er das Tier zu "besprechen". Er griff sich ein Bündel Stroh, tunkte es in eine Güllepfütze, in welche noch nie ein Sonnenstrahl gedrungen war, rieb ihm damit 3x über den Rücken und flüsterte allerlei Beschwörungen um den Dämon zu bannen. Und oh Wunder! - die Lebensgeister schienen ob des Exorzismus zurückzukehren, die Ziege stand wieder und soff sogar etwas Wasser. Alle konnten ihr Glück kaum fassen, am wenigsten wohl der Fisch-Georg selbst, der es unter großem Dank plötzlich sehr eilig hatte, fortzukommen.

Tagsdrauf trieb ihn die Neugier zurück zu Haake's Hornträger, doch schon von Weitem hörte er das Geschrei: die Ziege war tot! Pech für Georg, Aegid hatte diesen bereits um die Ecke lunschen sehen, und sogleich erhob sich die wildeste Keilerei, in die zu stürzen sich auch Ebelies nicht zu fein war. "Erst einige Eimer Wasser, die unter großem Gejohle und Gelächter über die Hitzköpfe" ausgekippt wurden, beendeten die Szene. Offen bezichtigte Ebelies den Fisch-Georg der Hexerei. Er habe der Ziege den Tod an den Hals gewünscht, weil sie als arme Bauern ihm die Wunderdienste nicht hatten vergüten können. Dies war freilich eine schwere Anschuldigung, die der Pfarrer nicht ignorieren durfte und dem Dresdner Amtmann zu melden hatte. Denn dort wartete man schon lange auf die Gelegenheit dem okkulten Treiben des Georg Fischers ein Ende zu bereiten.

Fortsetzung:

Doch damit war es der Ziegen-Zauberei noch nicht genug. Der Haake jammerte derart über den großen Verlust, dass der Pfarrer ein Einsehen hatte und ihm ein Darlehen gab, um sich eine neue Milchziege zu erstehen, was er auch sofort anging. Störrisch zerrte sie an der Leine, sie ahnte vielleicht schon anhand seiner äußeren Erscheinung, dass die Zukunft im Haakeschen Stall keine Freude werden würde. Zur Stärkung kehrte er ins Naundorfer Gasthaus ein, wo er prompt auf den neuerkorenen Widersacher Fisch-Georg traf. Dieser hatte ihn bereits kommen sehen und mit seinen Saufkumpanen einen schelmischen Schabernack ausgeheckt.  Hätte er gewusst, dass sich um ihn herum ein Gewitter in Form eines Prozesses gegen Hexerei und Gotteslästerung zusammenzog, hätte er es wohl bleiben lassen. Aber so spitzte er seine Trinkgefährten an, dem Aegid nacheinander Bierchen und Schnäpschen zu spendieren, um ihn ordentlich abzulenken. Aegid freilich wähnte sich im Paradies! Erst der geglückte Ziegenhandel und jetzt auch noch der Adressat allseitiger Spendierfreude - welch herrlicher Tag. So ließ er alle Zweifel fahren und kippte jedes ihm offerierte Getränk. Georg nutzte die Zecherei und stahl sich heimlich davon, aber nicht zu lange, als dass seine Abwesenheit hätte bemerkt werden können. Allmählich kam der Strom geschenkten Alkohols zum Erliegen, Aegid fühlte sich nun auch schon ein wenig schwummerig, und so machte er sich schwankend und torkelnd auf den Heimweg.

Hatte sich die Ziege ja bereits widerspenstig gezeigt, so war dies kein Vergleich zu ihrem jetzigen Verhalten. "An den Fenstern der Schenke drückten sich die Bauern mitsamt dem Wirte die Nasen an den kleinen Scheiben platt und hatten ihre diebische Freude an dem Kampfe, den Aegid mit dem immer störrischer werdenden Vieh auszufechten hatte." Dem Kötzschenbrodaer riss der Geduldsfaden und auch die Ziege ging zum Angriff über, was dazu führte, dass Aegid ein ums andere Mal den Heimweg mit der Nase ausmaß. Schließlich erbarmten sich einige Nachbarsburschen und führten Mensch und Tier ihrem jeweiligen Nachtlager zu. Der Fisch-Georg strebte da schon schleunigst seinem Häuschen im Rietzschke-Grund entgegen.

Neugierig und vorsichtig näherte sich Ebelies am nächsten Morgen dem Stall, wollte sie doch mit eigenen Augen sehen, welche neue Errungenschaft ihr Gatte angebracht hatte. Während sie noch an dem Schlosse nestelte, sprang die Türe mit einer Wucht auf, dass es sie einmal quer durch den Hof in eine Mistpfütze schleuderte. Vom Gekreische alarmiert, kam Aegid heran gelaufen und eh er wusste wie ihm geschah, traf auch ihn der Schlag und er fand sich erneut auf dem Hosenboden wieder. Ihm sträubten sich vor Schreck die Nackenhaare. Eine Ziege hatte er doch am Vortag gekauft, über Nacht wurde sie durch Zauberei in einen schwarzen Bock verwandelt- und der Teufel persönlich schien in ihn gefahren. Dem Bauern brummte der Schädel, nicht nur wegen des Sturzes, sondern auch mit den Nachwirkungen des gestrigen Gelages hatte er arg zu kämpfen, doch meinte er sich dunkel erinnern zu können, den Fisch-Georg im Naundorfer Gasthaus gesehen zu haben. Das konnte doch alles kein Zufall sein! Klare Sache, der Fischer hat auch noch seine neue Ziege verhext. Und zu allem Überfluss hatte sich auch noch der leibhaftige Satan darin eingenistet. Ebelies freilich hatte eine ganz andere Theorie, krakelte stattdessen unablässig über die leidige Sauferei ihres Mannes, "und diese Meinung brachte sie ihrem Geliebten so handgreiflich zur Kenntnis, dass Aegid fast wünschte, der Satan hätte ihn mit entführt."

Kaum seine Freiheit zurückerlangt galoppierte der schwarze Hornträger zurück ins heimische Naundorf, schnurstracks zu Bauer Hernichen, der nicht schlecht staunte, seinen Zuchtbock vorm Tor zu entdecken. Und nun dämmerte ihm, dass er in dieses Kuriosum, in Kötzschenbroda wüte der Teufel in Ziegenbockgestalt, auf wundersame Weise verwickelt sein könnte. Und tatsächlich, bei einem Blick in die eigene Stallung schielte ihn kauend eine fremde Milchziege an. Was tun mit dem verräterischen Tier? Schnell lief er in die Schenke und heckte mit seinen Gefährten einen Plan aus…

"Am andern Morgen fand Ebelies zu ihrem maßlosen Erstaunen in dem verwaisten Ziegenstalle die Kötitzer Ziege, die sie mit munterem Gemecker begrüßte, und jetzund begann auch die Haakin selber an Zauberei zu glauben."

 

Doch nicht für alle löste sich die Angelegenheit in solcherlei Wohlgefallen auf. Dem Fisch-Georg schien es an den Kragen zu gehen. Eine Abordnung Dresdner Amtsmänner erschien in seinem Garten, um den vielgesuchten Wundermann in Gewahrsam zu nehmen. Monatelang musste er in einem muffigen Loch auf seinen Prozess warten, der ihm in Leipzig gemacht wurde. Doch dort zeigte man sich gnädig. Georg Fischer habe ja keinen Schaden verursacht, die Mittelchen waren nicht gefährlich und der Hokuspokus harmlos. Somit wurde er lediglich für 3 Jahre des Landes verwiesen.

-Ende-

 

Was in dieser Mär authentisch ist, und was ersonnen, kann heute niemand mehr aufspüren und es bleibt dem geneigten Leser überlassen zu entscheiden.

 

 

Maren Gündel, Stadtarchiv

 

Quelle: Die Elbaue, 6. Jahrgang, 1929, Nr. 21-23.

Erschienen in: Amtsblatt Radebeul, Juli 2013.