Über verschwundene Biergärten in Ost und West. „Lost places“ in Sachen Gastronomie

Was gibt es herrlicheres, als an lauen Sommerabenden draußen, in geselliger Runde oder allein, mit einem guten Buch oder dem Getränk der Wahl, in einem Biergarten zu sitzen und die Atmosphäre zu genießen! Leider wird in den folgenden Wirtshäusern niemand mehr Platz nehmen können, denn sie sind verschwunden, abgerissen, sogenannte "lost places", die nur noch in der Erinnerungskultur existieren. Schaut man sich die alten Postkarten an, kann man immer noch den Hauch von gediegener Freizeitgestaltung, Landpartie und Amüsement erahnen. Grundvoraussetzung für die Entstehung solcher Gaststätten ist neben der hiesigen Stammkundschaft ein belebter Fremdenverkehr. Dieser setzte für die Lößnitz  in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein, vor allem durch den wachsenden Eisenbahnverkehr.

Vor 150 Jahren entstand in diesem Zusammenhang das Bahnhofshotel in der Gemeinde Radebeul, unweit des Haltepunktes. Der Fleischer Johann Christian Adolf Herrmann ließ Moritz Ziller 1865 das Gebäude zunächst als Gastwirtschaft erbauen. Vergnügliches Beisammensein konnte bereits mit großzügiger Gartenterrasse, Billardsalon, Kegelbahn oder im Gesellschaftsaal erlebt werden, doch wer hier gleich zu späterer Stunde sein Nachtlager aufschlagen wollte, wurde enttäuscht. Erst 1888 erfolgte die Erweiterung zum Hotel. Vielleicht bettete dann so mancher Gemeinderat nach hitziger Debatte dort seinen rauchenden Kopf darnieder, denn die Räumlichkeiten dienten bis zum Bau des Radebeuler Rathauses als deren Konferenzzimmer. Im Volksmund hieß es zu DDR-Zeiten noch: "lasst uns zu 'Hermanns' gehen"! Nach einer wechselvollen Nutzungsgeschichte, dem Abriss 1994, den Jahren als Kraterloch und Investruine mauserte sich der Bereich jüngst im Zuge des Sanierungsgebietes Radebeul-Ost zum modernen und belebten Stadtteilzentrum. Heute befindet sich an der Stelle ein großer Lebensmittelmarkt. Auch wenn jetzt keine Getränke unter Schatten spendenden Bäumen im Restaurantgarten mehr zu konsumieren möglich sind, was gerade in Zeiten von permanentem Bahnstreik eine willkommene Überbrückung der Wartezeit sein kann, so kann man sie immerhin hier noch erwerben.

Vom "Kommun-Schlachthaus" kann nicht einmal mehr das behauptet werden. Es befand sich, nachweislich seit 1725, in unmittelbarer Nähe zum Gemeindehaus Altkötzschenbroda, und bildete mit Bäckerei, Gehöften, Schulhaus, Oberschänke und der Friedenskirche einen eigenen kleinen Marktplatz. Der Pächter war ermächtigt alkoholische Getränke auszuschenken, Gäste zu bewirten und bei Jahrmarktzeiten auch zu beherbergen. War an Fest- oder Marktagen Hochbetrieb, verlegte der Wirt seinen Gastraum kurzerhand ins Freie. Beliebt, sowohl bei Einheimischen als auch bei auswärtigen Händlern, war diese efeuumrankte Gastwirtschaft nicht nur wegen der Gemütlichkeit sondern auch wegen der hohen Qualität an Speisen und Getränken. Doch aufgrund des Bierverkaufes kam es zu Gezänk mit den beiden übrigen Schänken. Erst ein Vergleich ließ die Wogen glätten. Zugunsten einer breiteren Allee zur Kirche hin wurde es 1908 abgerissen. Übrig geblieben anbei ist heute eine kleine Grünfläche mit hoch gewachsenen Bäumen, die immerhin an drei Tagen im Jahr kurzeitig als Freiluftgastraum zum Verweilen einlädt.

Der Begriff "Biergarten" stammt, obwohl in Sachsen derzeit 1000 Jahre Bierbrautradition gefeiert wird, aus dem Bayrischen. Per Dekret durfte wegen schneller Verderblichkeit des Gerstensaftes und hoher Brandgefahr im 19. Jahrhundert nur in der kalten Jahreszeit gebraut werden. Damit die Bierdurstigen im Sommer nicht auf dem Trockenen sitzen mussten, legten die Münchner in der Isar tiefe Bierkeller als Lagerstätten an. Außerdem wurden die Hänge mit Kastanien bepflanzt, die im Sommer ihre kühlenden Schatten warfen. Die Biergärten waren geboren und etablierten sich zu beliebten Ausflugszielen. Hier kamen alle Schichten der Münchner Bevölkerung zusammen, soziale Grenzen verwischten an der gemeinsamen Tafel. Später wurden Parks und Grünanlagen ausgebaut und mit Wirtsgärten ausgestattet. Gerade auch im Bayrischen hat sich zudem die ursprüngliche Tradition erhalten, dass sich Gäste ihre Brotzeit selbst mitbringen und nur die Getränke erwerben.

Kaum etwas ist so ambivalent wie das Vergessen - Gefahr und Gnade zugleich. In einer Kultur formt sich ein Gedächtnis der Dinge und besonders in Gebäuden spiegeln sich Bilder der Vergangenheit. Selbst das individuelle Imperfekt ist mit Zeit und Ort verwoben. Verschwinden diese Bindungsräume, geht auch ein Teil der eigenen Identität verloren - lost places. Wiederholung, Entwicklung und Beziehung schaffen Erinnerung.

Doch nicht alles ist wert memoriert zu werden - und vielleicht gehören andauernde Bahnstreiks ja auch irgendwann der Vergangenheit an.

 

Maren Gündel, Stadtarchiv

Erschienen in: Amtsblatt Juli 2015