Die 12 Apostel von Radebeul

Bei dieser Überschrift wird wohl so mancher Leser ins Grübeln kommen, denn wann und wo es in Radebeul zwölf Apostel gegeben haben soll, dürfte den meisten Radebeulern unbekannt sein.

Die Eigentümer der Bauernhöfe "Am Kreis" gehörten zur Altgemeinde. Sie waren also die Besitzer des Gemeindelandes. Wer nur "Häusler" war und wenig oder nichts an Grund und Boden besaß, hatte über viele Jahrhunderte hinweg keine bzw. nur geringe "Privilegien und Rechte". So war es in der Dorfordnung, den Rügen, festgelegt worden.

Die Ursachen dieser Ungleichbehandlung lassen sich aus der Entstehung Radebeuls nachvollziehen. Ursprünglich siedelten sich acht Bauern (später wuchs diese Zahl auf zwölf Höfe) in der Kolonisationszeit an, die durch einen "Locator" aus ihrer alten Heimat (Franken, Thüringen und Niedersachsen) durch verschiedene Rechte und Vergünstigungen hierher gelockt wurden, um diese Gegend zu besiedeln und urbar zu machen. Diese Rechte wurden also mittels der Rügen vom Grundherrn verbrieft und waren an den entsprechenden Bauernhof gebunden.

Das Vorhandensein der alten Privilegien führte zu einer ganz eigenartigen Konstellation, als im Jahre 1838 die neue Landgemeindeordnung verabschiedet wurde und die "politische" Gemeinde Radebeul entstand und damit die Anfänge der kommunalen Selbstverwaltung Einzug hielten.

Ein Gemeinderat wurde gewählt und den Vorsitz führte der gewählte Gemeindevorstand. Vorher gab es Dorfrichter und Schöppen, die immer aus der Mitte der Altgemeinde stammten. In der Regel war derjenige Bauer Dorfrichter, der den größten Bauernhof, d. h. den mit dem meisten Grund und Boden (eine Hufe) hatte. In der Entstehungszeit des Dorfes war es jedenfalls so. Die Richter konnten gewählt oder vom Grundherren eingesetzt werden. Eine erbliche Übertragung des Dorfrichteramtes ist in unserer Gegend weniger üblich gewesen.

Diese 12 Altgemeinde-Bauern hatten den Spitznamen "die 12 Apostel" inne. Und obwohl deren Sonderstellung seit 1839 (mit Inkrafttreten der Landgemeindeordnung von 1838) nichtig war, so schloss der Gemeinderat Radebeuls mit der Altgemeinde am 17. März 1843 einen Vergleich. In diesem wurde festgelegt, dass der sogenannte "Creis" und die Elbwiese weiterhin der Altgemeinde gehören sollte. Die Steuern mussten natürlich ebenfalls von den Eigentümern getragen werden. Außerdem erhob der Gemeinderat noch einen Sonderzins von zwei Reichstalern, die von der Altgemeinde in die Gemeindekasse zu zahlen waren.

Seit wann die 12 "Altgemeindler", die aus ihrer Mitte einen Vorstand mit unbeschränkter Amtszeit wählten, den Spitznamen "Apostel" getragen haben, ist nicht mehr feststellbar. Sie nannten sich nach dem geschlossenen Vergleich selber so, ordneten ihr Gemeindeeigentum und schrieben die getroffenen Festlegungen so nieder.

Der "Creis" war eigentlich Gartenland mit Steinsäulen und Bretterzaun, den die Altgemeinde in unbezahlter Arbeit instandhalten musste. Baumaterialien, die sie lieferten, wurden allerdings bezahlt. Ebenfalls musste der Pumpenbrunnen, der sich auf dem "Creis" befand, von der Altgemeinde unterhalten werden.

Die jährlichen Abrechnungen fanden von Ende November bis Mitte Dezember einmal im Jahr in unbestimmter Reihenfolge bei den Mitgliedern statt. Diese "Abrechnung" war von Anfang an ein Fest. Der Bauer, der für die Ausrichtung des "Festes" verantwortlich war, erhielt ein Lichtgeld von 2 Neugroschen und 5 Pfennigen. Dies ist ein kleiner Hinweis, dass auch damals schon die Hausbeleuchtung mit nicht unerheblichen Kosten verbunden war. An Essen und Trinken wurde nicht gespart, denn auch die Ehefrauen waren bei dieser Feier mit eingeladen. Die Aufwendungen für dieses Gelage verursachten in manchen Jahren sogar ein Defizit in der Abrechnung.Es gab Schweinebraten, Wellfleisch und Sauerkraut, Karpfen und Kalbsbraten. Nach 1875 findet sich aber öfters nur noch Butter, Brot und Käse und danach aber meist Kaffee mit Zwieback und Stollen als Nachmittagserfrischung. Die Hauptsache war natürlich der Wein, der entweder von einem Nachbarn (Altgemeinde-Mitglied) oder von außerhalb des Kreises bezogen wurde. Jeder neue "Apostel" musste seinen Einstand, gewöhnlich einen halben Eimer Wein, ausgeben.

Außer dieser festlichen Jahresabrechnung wurde auch immer darüber hinaus jede Gelegenheit zu einem Umtrunk wahrgenommen, besonders wenn die Apostel zu gemeinsamer Arbeit zusammentraten. Die Reparatur der "Creisbetten-Vermachung", die meist am Vor- und Nachmittag des Abrechnungstages geschah, musste mit Bier und "Brandewein" - letzterer durch die kalte Jahreszeit erklärlich - begossen werden.

Doch diese alten Rechte konnten sich im Verlaufe der Zeit immer weniger halten. Im Mai 1897 wurde ein Teil einer der Altgemeinde gehörenden Wegparzelle enteignet, da er für den viergleisigen Ausbau der Eisenbahn gebraucht wurde. Dafür erhielt die Altgemeinde eine finanzielle Entschädigung.

Nachdem das Jahr 1904 eine große Dürre mit sich brachte und sogar der Kreis-Brunnen versiegte, wurde von der Altgemeinde der Antrag gestellt, das Kreisland der politischen Gemeinde Radebeul kostenlos zu übereignen, die dafür das Spritzenhaus abreißen sollte.

Durch das gleiche Stimmenverhältnis blieb aber vorerst alles beim alten. Doch schon 1909, als der bisherige Vorstand sein Amt endgültig niederlegte, wurde von allen Aposteln die Entscheidung gebilligt, das Kreisland der Gemeinde Radebeul zu übergeben, die Gartenanlagen zu planieren und das Spritzenhaus zu beseitigen. Über allerlei Umwege und Hemmnisse wurde der Kreis umgestaltet und am 16. Dezember 1911 feierlich mit einer Festrede eines Apostels eingeweiht.

Erst 1914 gelang die vollständige Übereignung des Kreis-Geländes von der Altgemeinde an die politische Gemeinde. Die schriftliche Fixierung dieses Eigentumswechsels geschah aber erst am 12. 8. 1920. Auch damals mahlten die Mühlen der Bürokratie recht langsam und nur schwer trennte man sich von althergebrachten Rechten. Erst seit 1945 fing die Apostelwirtschaft an, sich gänzlich aufzulösen. Das Gemeindefeld wurde in drei Teilen verpachtet (auch an Nichtmitglieder). Ging ein Altgemeinde-Grundstück in andere Hände über, so zeigte der neue Erwerber wenig Interesse, sich mit dem herkömmlichen Einstand in die Gemeinschaft der Apostel einzukaufen.

P. S.: Noch mehr Details zur Geschichte der 12 Apostel sind in einer Ausarbeitung Hellmuth Sparberts aus dem Jahre 1964 im Stadtarchiv Radebeul nachzulesen. Diese Arbeit basiert auf Quellen (Protokoll- und Abrechnungsbuch der Apostelgemeinde 1843 - 1960), die leider nicht im Stadtarchiv Radebeul vorhanden sind, aber wesentliche Belange der Stadtgeschichte betreffen. Vielleicht gibt es dieses Buch noch? Für eine Ausstellung anlässlich des 650-jährigen Bestehens Radebeuls wäre dieses Buch ein wertvolles Objekt.

Annette Karnatz

Stadtarchivarin