Bürgermeisterwahlen 1927 - ein historischer Exkurs

Ein Exkurs in die Radebeuler Stadtgeschichte zeigt uns auch heute, wie turbulent es in der Kommunalpolitik in der Vergangenheit zuging. Analoge Betrachtungen zu heute sind dabei durchaus gewollt.

Robert Werner, langjähriger Bürgermeister Radebeuls von 1893 bis 1927 ging in den wohlverdienten Ruhestand. 34 lange Jahre hatte er die Geschicke Radebeuls maßgeblich mitbestimmt und nun stand das Stadtverordnetenkollegium (= heute: Stadtrat) vor der alles entscheidenden Frage: "Wer wird der Nachfolger Robert Werners? Wer soll Bürgermeister unserer Stadt werden?"

Die Gerüchteküche brodelte auch Anno dazumal bis die Bürger am 19. Mai 1927 aus dem Radebeuler Tageblatt erfahren konnten, dass "auf die Ausschreibung der hiesigen Bürgermeisterstelle 84 Bewerbungen im Rathause eingegangen sind." Interessant ist, dass 29 Bewerber von außerhalb Sachsens stammten und die Bewerber aus unterschiedlichen Berufszweigen kamen. Aus dem Kreise der Juristen bewarben sich 27, daneben 7 Volkswirtschaftler, auch 34 Gemeindebeamte, 12 aus verschiedenen technischen Berufen, 21 Bürgermeister aus sächsischen Städten und Gemeinden und 15 Bürgermeister aus dem Deutschen Reich (vorwiegend Norddeutschland) sowie ganze 4 Kandidaten aus Radebeul - alles in allem eine bunte Mischung.

Ganz im Gegensatz zu heute wählten damals die Stadtverordneten den Bürgermeister. Von allen Kandidaten wurden nur 10 in die engere Wahl gezogen. Der Ausgang dieser Wahl war also in erster Linie eine Frage der Parteienzusammensetzung der Radebeuler Stadtverordneten. Nach dem Wahlergebnis der Stadtverordnetenwahl aus dem Jahre 1926 entfielen von insgesamt 7426 Stimmen 3170 Stimmen auf den Wahlvorschlag 1 (Bürgerliche Liste), knapp gefolgt von der SPD mit 2948 Stimmen. (KPD: 544 Stimmen / Deutschvölkische Freiheitsbewegung: 272 Stimmen / Liste Ullmann: 492 Stimmen). Und damit waren die Würfel im Prinzip schon gefallen.Es wurden eine rechte und eine linke Fraktion gebildet, die jeweils einen Bürgermeisterkandidaten aufstellten. Die rechte Fraktion schlug Dr. jur. Max Weigel aus Annaberg vor. Die linke Fraktion einigte sich auf Regierungsrat Graf Emil von Wedel aus Großenhain.

Am 15. Juni 1927 gewann Dr. Max Weigel, Kandidat der rechten Fraktion, mit 12 : 11 Stimmen die Wahl zum Bürgermeister Radebeuls für die folgenden 6 Jahre, - und kein Radebeuler (es sei denn er war Stadtverordneter) war direkt am Wahlgeschehen beteiligt. Da läuft die Sache doch heute wesentlich besser. Der Oberbürgermeister wird heute auf direktem Wege von jedem wahlberechtigten Einwohner unserer Stadt gewählt. Leider war die Wahlsache Bürgermeister aus dem Jahre 1927 damit noch lange nicht ausgestanden.

historischer Zeitungsartikel aus dem Radebeuler Tageblatt vom 16. Juni 1927 zur Bürgermeisterwahl

In verschiedenen Zeitungen sind zwei Wochen nach der Wahl einige überraschende Schlagzeilen zu lesen wie z. B. "Bürgerliche Pleite in Radebeul - Dr. Weigel verzichtet auf das Bürgermeisteramt", "Dr. Weigel kommt nicht"... und dergleichen. Die Gründe für den Verzicht auf das Amt sind in Archivunterlagen im Stadtarchiv Radebeul bei Interesse nachzulesen. Das "Rennen um den Bürgermeisterposten" ging schließlich in die zweite Runde. Auf eine nochmalige Ausschreibung der Stelle wurde nun aber verzichtet.

Am 21.9. 1927 erfolgte dann der zweite Anlauf, wobei die rechte Fraktion diesmal einen Kandidaten aus den eigenen Reihen nominierte: Karl Richard Knauthe (geb. 30.4.1878 Geising), seit 1909 als berufsmäßiger Gemeindeältester und Dezernent des Wohlfahrts-, Jugend- und Polizeiamtes in Radebeuls Verwaltung tätig. Sein Gegenkandidat war erneut Graf von Wedel. Gewählt wurde Karl Richard Knauthe zum Bürgermeister auf 6 Jahre mit 12 gegen 23 abgegebenen Stimmen.Und wieder konnte kein Radebeuler Einfluss auf die Wahl nehmen.

Die kurz skizzierten Ereignisse sind nun schon 79 Jahre her. Viel hat sich seit dieser Zeit verändert, auch die Möglichkeiten hinsichtlich freier Wahlen für das Amt des Stadtoberhauptes unserer Heimatstadt. Jeder Radebeuler ab 18 Jahren kann selbst entscheiden, wer die Geschicke Radebeuls leiten und lenken soll. Dieses Recht, früher nicht selbstverständlich, sollten man sich nicht aus der Hand nehmen lassen. Paul Brüll (Stadtverordnetenvorsteher 1927, 1. Stadtarchivar Radebeuls 1958 - 1975) begrüßte den neu gewählten Bürgermeister Richard Knauthe im September 1927 zur 1. Sitzung der Stadtverordneten Radebeuls mit folgenden bedeutsamen Worten:
"Möge Ihre Tätigkeit im Dienste unserer Stadt recht erfolgreich sein. Möge es Ihnen vor allem gelingen, die Selbständigkeit Radebeuls noch so lange als möglich zu erhalten; zum anderen bitte ich Sie um weitgehendste Beachtung der Wünsche und Anregungen der Stadtverordneten auch dann, wenn persönliche und gesetzliche Kompetenzstreitigkeiten dem im Wege stünden.
Nur im besten Einvernehmen zwischen Stadt und Stadtverordnenten ist eine ersprießliche Arbeit denkbar
."
Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Richard Knauthe war übrigens bis 1933 Bürgermeister. Dann verläuft sich seine Spur. Bisher konnten wir nicht ermitteln, wo er nach seiner Amtszeit hingezogen ist. Die Recherchen dazu laufen gegenwärtig noch im Stadtarchiv.

Annette Karnatz Stadtarchivarin