200 Jahre Völkerschlacht (16.-19. Oktober 1813) - Stadt Radebeul

200 Jahre Völkerschlacht (16.-19. Oktober 1813) - 200 Jahre Erinnerung und Erinnerungskultur

„Ich schreibe dir am Morgen einer Schlacht, wie sie in der Weltgeschichte kaum gefochten ist. […] Diese Schlacht wird über das Schicksal Europas entscheiden“// „(Man habe dort) Scheußlichkeiten sehen können, die selbst dem gefühllosesten Kannibalen einen eiskalten Schauer durch alle Glieder gejagt und die Haare emporgesträubt haben würden“ // „der ruhmvollen […] Zeit vor 100 Jahren zu gedenken, […] (die) das deutsche geeinte Reich zu seiner heutigen Macht und Herrlichkeit aufbauen konnte“[1]

Erinnerung und Erinnerungskultur ist stets an den jeweiligen zeitgenössischen Blickwinkel gebunden und wie dieser veränderlich. Die als Völkerschlacht bei Leipzig in die Geschichte eingegangene siegreiche militärische Auseinandersetzung über Napoleon durch die alliierten Kräfte (Preußen, Russland, Österreich, Schweden sowie England) markierte nicht nur den Wendepunkt der napoleonischen Machtentfaltung in Europa, sondern zwang der sächsischen Handelsmetropole das bis dato größte Schlachtfeld der europäischen Historie auf. Umdeutung und Instrumentalisierung ließen aus dem Ereignis einen Mythos nationaler Dimension heraufbeschwören, der 1913 noch durchdrungen war von Freiheitsgedanken und Einheitsglorie. Mit großem Tamtam wurde auch in der Lößnitz der 100. Jahrestag festlich begangen, beispielsweise mit der vom nationalliberalen Verein ausstaffierten Feier im bis auf den letzten Platz gefüllten Albertschlösschen. Ganz der damaligen Deutung entsprechend als mythisch-verklärte Urschlacht bzw. als Geburtsstunde einer geeinigten Nation reihte sich diese Veranstaltung in einen Kanon von Dankes- und Siegesfeiern, die überfrachtet waren mit patriotischen Gedanken, selbstherrlicher Deutschtümelei und beschwörender Heldenverehrung. Leuchtturm dieser Kulisse war freilich die Einweihung des Leipziger Völkerschlachtdenkmals.

Nicht ganz so monumental geriet die Jahrhundertfeier im Realgymnasium, wo mit sakralem Ernst ein Gedenkstein enthüllt wurde, von Orgelklängen aus der Aula und Chorgesängen begleitet. Um dem Akt noch mehr Symbolkraft zu verleihen, wurde davor eine Eiche gepflanzt; ikonographisches Sinnbild deutschen Mutes und Ausdauer. Die Eiche rekurriert zudem auf ein Gemälde, welches den im Vorfeld der Völkerschlacht gefallenen und zum Helden stilisierten jungen Schriftsteller Theodor Körner zeigt. Die Kämpfer der Freiheitskriege avancierten schnell zu mythischen Leitbildern und über die Zeiten hinweg wurde man nicht müde, Körners Lyrik zu skandieren. Zur Zeremonie gehörte deshalb auch eine rituelle Niederlegung von 13 Eichenkränzen, bei der gleichzeitig mit pathetischen Gedichtstrophen die Helden der Völkerschlacht besungen wurden. Die Organisation eines Eilbotenlaufes, bei dem sich rund 35000 Sportler aus sämtlichen Ecken Deutschlands auf den Weg nach Leipzig machten, um eine von Eichenlaub gerahmte Urkunde von Hand zu Hand weiterzugeben, verdeutlicht den nationalen Umfang dieser Hundertjahrfeier. Die Route führte auch an der Lößnitz vorbei. 

Rund 600 Personen versammelten sich außerdem zu einem Fackelzug, der sich über die Spitzhaustreppen einer „feurigen Schlange“ gleich zum Bismarckturm emporwand, um schließlich ein Höhenfeuer abzubrennen. Die Turngemeinde Kötzschenbroda begab sich zum Jacobstein, da mit diesem wohl ältesten Wahrzeichen der Lößnitz ein Zeitzeuge der vergangenen Geschehnisse von 1813 überdauerte. Auch hier durften markige Reden, Lieder und Feuer nicht fehlen. Für einen ausladenden Gedenkgottesdienst hatte man zudem die Friedenskirche feierlich hergerichtet. Selbst die Kleinsten konnten sich dem allgegenwärtigen Erinnerungstag nicht entziehen. So veranstaltete das Bahnhotel eine Kinderaufführung, um ihnen „Begeisterung und Opferwilligkeit, Selbstlosigkeit und Gottvertrauen“ anschaulich einzuträufeln.

Nach den Ereignissen im Oktober 1813 war schnell der Begriff Völkerschlacht geboren, in Anbetracht des enormen Ausmaßes an Aufwand, Heeresgröße und Massengräbern. Ursprünglich meinte die Bezeichnung lediglich das Heervolk, also die Soldaten an sich. Doch rasch wurde das Kriegsgeschehen umgedeutet, als gemeinsame Schlacht europäischer Völker gegen die Fremdherrschaft Napoleons. Vor diesem Hintergrund zeigte sich der großangelegte Gedenktag 1913 als rituelles Fest vom Volk für das Volk, denn, so die vorherrschende Sichtweise, sei es ja schließlich auch das Volk gewesen, welches sein Leben hingab, um den viel beschworenen Sieg und damit die Geburtsstunde der Nation blutig zu erringen. Lüftet man allerdings den Schleier der mythischen Verzerrung, so zeigt sich, dass der konservative Flügel nach der Schlacht keine bürgerlich-liberale Freiheit im Sinn hatte, sondern alle Hände damit zu tun, die herbeigerufene nationale Masse wieder auf ihren Platz zu drängen. Für Napoleon seinerseits galt die Völkerschlacht zwar als schmerzlicher Misserfolg, aber noch lange nicht als Ruin. Vielmehr ist sie nur Glied einer längeren Kette seines Niederganges, der bereits 1812 in Russland begann, und erst mit Waterloo und seiner Verbannung endete.

Wiederholt wurde das Andenken an die Leipziger Massenschlacht für die jeweiligen Zwecke instrumentalisiert. Erst in neuerer Zeit, so scheint es, wird dieser Teil des kulturellen Gedächtnisses aufgearbeitet mit Blick in alle Richtungen: die Vergangenheit kritisch hinterfragend, die Gegenwart bewusst realisierend und die Zukunft umsichtig vordenkend.[2]

 

Maren Gündel, Stadtarchiv

Erschienen in: Amtsblatt Radebeul Oktober 2013


[1] Quellen: Kirstin Anne Schäfer: Die Völkerschlacht, in: Deutsche Erinnerungsorte, München 2001; Hans-Ulrich Thamer: Die Völkerschlacht bei Leipzig, München 2013, RT/ Kö GA vom 9.-20.10.1913.

[2] http://www.voelkerschlacht-jubilaeum.de/ (letzter Aufruf September 2013)