125 Jahre Bilz-Buch - Stadt Radebeul
Winzerfestzug-Bild von Retzsch Postkarte Lößnitzgrundpartie im Herbst

Foto: Stadtarchiv Radebeul

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Besinnung auf die Heilkräfte der Natur – 125 Jahre Bilz-Buch

Ein naturheilkundlicher Lebensbegleiter, ein Lehr- und Nachschlagewerk, ein Welterfolg

Buchcovermotiv des Bilz-Buches
Foto: Stadtarchiv Radebeul

Im letzten Monat erreichte die Grippewelle im Elbland ihren Höhepunkt und auch die Zahl der Erkältungen war der Jahreszeit entsprechend hoch. Doch wie vermag man sich gegen eine nächste Attacke von Viren und Bakterien besser zu wappnen? Friedrich Eduard Bilz (1842-1922) kannte auf diese Frage eine klare Antwort: mittels Naturheilkunde! Ob Wasserkuren, Homöopathie oder Lehm-, Licht- und Lufttherapie - anhand dieser wiederentdeckten Behandlungsmöglichkeiten, zum Teil altbewährtes Wissen aus der Antike gegen alle möglichen Krankheiten, wurde ein ganz neues Lebensbild vermittelt. Viele verunsicherte Patienten suchten damals schon alternative Heilmethoden, fernab von Aderlass, Opiaten oder arsenhaltigen Präparaten.

Wer konnte ahnen, dass der Spross eines Gärtners dereinst zum Vater der volksnahen Naturheilkunde avancieren sollte. Doch soweit war es noch nicht. Zuerst schlug sich F.E. Bilz als Weberlehrling durch. Die engen, überfüllten und zugigen Weberstuben machten ihm ebenso zu schaffen, wie die fließbandmäßigen Arbeitsstunden, das funzelige Licht und die gesundheitsschädigende Atemluft. Seine angegriffene Lebenskraft verbesserte sich zunächst auch in Meerane nicht, wo ihn die Walz hinführte. Erst durch die Heirat mit der Webermeister-Tochter Marie Auguste Kreil lächelte Bilz das Glück wieder zu. Ein florierender eigener Kolonialwarenladen im gemeinsamen Hause verschaffte zudem endlich die nötige Unabhängigkeit, sich den Naturwissenschaften, vor allem aber sozialen und philosophischen Fragen zu widmen, denn Bilz war ein strebsamer Autodidakt. Der Schritt zur Mitgliedschaft im "Verein für Gesundheitspflege und Naturheilkunde" war daher nur noch ein kleiner. Hier vermochte er Ideen und Anleitungen zu ganzheitlicher Lebensweise, sozialer Gerechtigkeit sowie naturbelassener Gesundheitslehre über viele Jahre zu sammeln, zu bündeln und zu Papier zu bringen.

Im Frühjahr 1888 brachte er schließlich mit "Bilz, das neue Heilverfahren" ein naturheilkundliches Lehrbuch auf den Markt, das die Dicke der Bibel erreichte, mitsamt einem ähnlich reißenden Absatz. Denn tausende Krankheitsbilder und deren Kur wurden dort gemeinverständlich beschrieben, dutzende Farbtafeln erleichterten die Anschaulichkeit. Sowohl der erschwingliche Preis, als auch die günstigen Anforderungen bezüglich Anschaffung und Umsetzung der Genesungs-Empfehlungen machten das Handbuch zu einem unverzichtbaren Begleiter eines jeden Haushaltes. Der emsige, stets um Verbesserung und Vervollständigung bemühte Bilz ließ stetig neue Auflagen seines Kompendiums drucken, angereichert mit realen Fallbeispielen von Krankheitsverläufen, Hinweisen zur Verhütung derselben (freilich mittels der Naturheilpraxis!) sowie Ratschlägen zu naturnahen Gesundheits-Themen wie Ernährung, Licht, Luft, Bewegung oder Wärme - sogar Kochrezepte wurden beigesteuert.

Natürlich erfreute sich das Radebeuler Sanatorium fortlaufender Erwähnung. Auch die Menge der Abbildungen vergrößerte sich; Besonderheit bildete eine aufklappbare, kolorierte Falttafel des menschlichen Körpers mit Übersichten über Skelett, Blutbahnen, Muskeln und Organen. Nicht zuletzt die prächtigen Einbände machten das Werk zu einem wahren Schmuckstück. Der findige Geschäftsmann Bilz wusste sein Werk hervorragend zu vermarkten. Circa 500 Stück verließen zeitweise täglich den familieneigenen Verlag; eine Hundertschaft an Vertretern klingelte an Haustüren oder hielt Gesundheitsvorträge mit anschließender Verkaufsstunde. Für Ärmere gab es Ratenzahlung. Ausgeklügelte Werbestrategien und Anzeigenvielfalt taten ihr übriges. Kein Wunder, dass angesichts dieses Sensationserfolges studierte Mediziner Sturm liefen - nach heutigem medizinischen Wissen wohl teilweise zu recht. Missgunst und Misstrauen ließen sie gegen die vermeintliche "Kurpfuscherei" ankämpfen, doch dem Siegeszug des Bilz-Buches wussten sie nichts entgegenzustemmen. 1894 waren 200 000 Exemplare abgesetzt, nur 3 Jahre später schon fast eine halbe Million und 1902 knackte man fast den Millionenrekord. Schließlich überwand die Übersetzung des Werkes in nicht weniger als 12 Sprachen sämtliche Grenzen. 

Auch wenn die gesellschaftlichen Umbrüche in Europa ihre eigenen Gesetze hatten und so das Bilz-Buch 1954 ein letztes Mal aufgelegt wurde, hat es bis heute nichts an der grundlegenden Bedeutung verloren, der Natur und ihrer Wirksamkeit so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken.

Maren Gündel, Stadtarchiv


Quellen: Bilz-Buch (im Stadtarchiv einsehbar); Helfricht, Jürgen: Friedrich Eduard Bilz. Naturheiler, Philosoph, Unternehmer, Radebeul 2012.

Erschienen in: Amtsblatt Radebeul, März 2013, S.1.